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Die besten Tiere im großen Bestand finden

  • Autorenbild: Helmut Demmelhuber
    Helmut Demmelhuber
  • 25. Mai
  • 12 Min. Lesezeit

Wie Zuchtarbeit gelingt, wenn der Betriebsleiter nicht mehr jede Kuh persönlich kennt

Helmut Demmelhuber | Unternehmensberater und Holsteinzüchter


Früher war Zucht eine Sache des Blicks. Der Betriebsleiter kannte jede Kuh, wusste, welche Familie durchhielt, welche Linie Probleme machte, welches Tier trotz unscheinbarer Zahlen verlässlich gute Töchter brachte. Mit 200, 500 oder 1.000 Kühen lässt sich diese Form der Zuchtarbeit nicht mehr aufrechterhalten – die Tieransprache des Einzelnen reicht nicht mehr. Trotzdem muss entschieden werden: Welche Tiere sind züchterisch wertvoll? Welche Färsen gehören in die Reinzucht? Welche eignen sich für Embryotransfer, gesextes Sperma oder gezielte Eliteanpaarung? Welche Tiere müssen konsequent aus der Reinzucht heraus? Die Antwort liegt nicht im Verzicht auf den Züchterblick. Sie liegt darin, ihn systematisch zu machen – mit Genomik als erstem Filter, dem Phänotyp als Realitätscheck und der Kuhfamilie als Maßstab für Wiederholbarkeit.



Wenn der Blick die Herde nicht mehr fasst


In kleineren Beständen funktioniert Zucht über persönliche Kenntnis. Der Betriebsleiter sieht jede Kuh täglich, kennt Mütter, Großmütter und meist auch die Urgroßmütter. Schwächen werden im Vorbeigehen registriert, Stärken über Jahre verfeinert. In dieser Konstellation ist der Züchter selbst das wichtigste Selektionsinstrument seines Betriebs – und das ist hervorragend. Es ist auch nicht skalierbar.

Bei 500 oder 1.000 Tieren stößt der Mensch an ein biologisches Limit. Selbst aufmerksame Betriebsleiter erinnern sich verlässlich an etwa 50 bis 80 Tiere – die Frischmelker, die wirtschaftlich wichtigsten Spitzenkühe, einige problematische Ausreißer, prägende Kuhfamilien. Die übrigen 90 Prozent der Herde bleiben unspezifisch. Das ist kein Versagen, sondern Realität. Wer in dieser Größenordnung trotzdem züchterisch arbeiten will, braucht ein Verfahren, das die Tieransprache des Einzelnen ergänzt – nicht ersetzt. Genau das leistet ein systematisches Selektionsprogramm, in dem genomische Daten, phänotypische Erfassung und Linieneinordnung zusammen wirken.


Wer 1.000 Kühe hat, kennt nicht 1.000 Kühe – er kennt die 50, an denen er das System ausrichtet.


Kernsatz: Der Züchter im Großbestand muss seinen Blick nicht aufgeben. Er muss ihn skalierbar machen.


Zucht beginnt nicht mit dem besten Tier, sondern mit dem klaren Zuchtziel


Der häufigste Fehler in größeren Herden ist nicht fehlende Genomik. Es ist fehlende Priorisierung. Wer die Tiere nur nach dem höchsten Gesamtzuchtwert sortiert, findet zwar Tiere mit guten Zahlen – aber nicht zwingend die Tiere, die zum eigenen Betrieb passen. Ein hochwertiges Zuchtprogramm beginnt deshalb nicht mit der Frage, welche Kuh die höchsten Werte hat, sondern mit einer einfacheren: Welche Kuh soll in fünf bis zehn Jahren diesen Betrieb tragen?

Für die meisten größeren Milchviehbetriebe wird die Antwort nicht lauten: die extremste Indexkuh. Sondern eine langlebige, fruchtbare, gesunde, funktionale Kuh mit guter Leistung, stabilem Euter, korrektem Fundament, niedriger Zellzahl, hoher Persistenz und möglichst geringem Managementaufwand. Genau diese Verschiebung der Zuchtziele weg von einseitigem Leistungsmaximum hin zu Robustheit, Gesundheit und Effizienz beschreiben Boichard und Brochard (2012) und – im hundertjährigen Rückblick – Miglior et al. (2017) in ihrer umfassenden Übersichtsarbeit für das Journal of Dairy Science. Auch De Vries (2020) zeigt, dass eine längere produktive Lebensspanne nicht nur ein Tierwohl-, sondern ein zentrales ökonomisches Argument ist.


Zucht beginnt nicht mit dem besten Tier, sondern mit der klarsten Frage.


Kernsatz: Wer kein Zuchtziel definiert, übernimmt das Zuchtziel anderer – meist das des verfügbaren Index.


Vom Bauchgefühl zum Selektionssystem: ein mehrstufiger Aufbau


In einer großen Herde darf Tierauswahl nicht erst beginnen, wenn die Färse bereits abgekalbt hat. Dann ist viel Geld in Aufzucht, Besamung und Management geflossen. Der bessere Weg ist eine mehrstufige Selektion, die so früh wie möglich greift und sukzessive verfeinert wird.

Erste Stufe: Alle weiblichen Kälber werden früh genotypisiert. Damit wird aus einer anonymen Nachzuchtgruppe eine sortierbare genetische Population. Pryce und Hayes (2012) beschreiben in ihrer vielzitierten Übersichtsarbeit für Animal Production Science die Vorteile dieses Vorgehens: Mit der genomischen Information junger weiblicher Tiere lassen sich Selektionsentscheidungen mit deutlich höherer Sicherheit treffen, als es die reine Eltern-Mittelwert-Schätzung erlaubt. Auch vit Verden weist im Rahmen des KuhVision-Programms ausdrücklich darauf hin, dass die DNA-Analyse weiblicher Tiere die zentrale Grundlage für genomisches Herdenmanagement bildet.

Zweite Stufe: Die Tiere werden nach einem betriebseigenen Index geranked. Nicht jedes Tier mit hohem RZG, TPI oder Gesamtindex ist automatisch das richtige Tier für den Betrieb. Entscheidend ist eine Gewichtung nach betrieblichem Zuchtziel: Milchmenge, Fett-/Eiweißmenge, Nutzungsdauer, Fruchtbarkeit, Eutergesundheit, Klauen, Fundament, Euter, Kalbeverlauf, Robotertauglichkeit, Schaufähigkeit. Wer im Robotbetrieb züchtet, gewichtet Zitzenposition und Melkbarkeit anders als ein Karussellbetrieb. Wer Zuchttiere verkauft, achtet stärker auf Exterieur und Pedigree als ein reiner Milcherzeuger.

Dritte Stufe: Die Herde wird in vier Zuchtgruppen eingeteilt. Die Top 5 bis 10 Prozent bilden die Elitegruppe für ET, gesextes Sperma, gezielte Eliteanpaarung und – bei entsprechendem Geschäftsmodell – Embryonen- oder Zuchttierverkauf. Die nächsten 30 bis 40 Prozent sind die Reinzuchtgruppe für hochwertige weibliche Nachzucht. Das Mittelfeld wird gezielt nach Bedarf eingesetzt, oft mit konventionellem Sperma oder ausgewählter Fleischrasse. Die untere Gruppe wird konsequent nicht weiter zur Reinzucht eingesetzt – Beef-on-Dairy oder Verkauf. Diese vierfache Differenzierung ist der eigentliche Hebel des genomischen Herdenmanagements: Sie verteilt die genetische Investition auf jene Tiere, die sie auch rechtfertigen.


In Großbeständen entsteht Zuchtfortschritt nicht durch Glück. Er entsteht durch konsequente Sortierung.


Kernsatz: Nicht jede Kuh muss Mutter der nächsten Generation werden. Im Großbestand ist das die wichtigste Erkenntnis.


Genomik zeigt Potenzial – aber nicht automatisch die beste Kuh


Genomische Werte sind kein Schönheitswettbewerb. Sie zeigen genetisches Potenzial – nicht Managementleistung. Das ist ein großer Vorteil, weil sich der Wert eines Tieres bereits beim Kalb abschätzen lässt, lange bevor der Betrieb in Aufzucht oder Besamung investiert hat. Es ist aber auch eine Grenze. Eine Färse mit hohem genomischem Wert kann in einem schlechten Aufzuchtsystem unter Erwartung bleiben. Eine Kuh mit mittleren Werten kann durch hervorragendes Management deutlich über ihren genomischen Erwartungen liefern.

Hayes et al. (2009) haben in ihrer methodischen Standortbestimmung klar gemacht, dass genomische Vorhersagen Wahrscheinlichkeiten abbilden – keine Gewissheiten. Im Einzeltier kann jede Vorhersage danebenliegen, im Bestand sind die Aussagen statistisch belastbar. Genau diesen Effekt zeigen auch die Auswertungen aus dem deutschen KuhVision-Programm: In größeren Vergleichsgruppen korrespondieren genomische Unterschiede zwischen Tieren mit späteren phänotypischen Differenzen – etwa bei Milchleistung, Zellzahl und Non-Return-Rate. Im Einzeltier bleibt Genomik fehlbar; im Bestand ist sie ein starkes Sortierinstrument.


Genomik liest die Karten – sie spielt sie nicht.


Kernsatz: Im Einzeltier ist Genomik nicht unfehlbar. Im Bestand ist sie unverzichtbar.


Der Phänotyp bleibt der unbestechliche Realitätscheck


Ein hochwertiges Zuchtprogramm braucht beides: Genotyp und Phänotyp. Der Genotyp beantwortet die Frage, was genetisch im Tier steckt. Der Phänotyp beantwortet die Frage, was das Tier unter realen Bedingungen tatsächlich zeigt. In Großbeständen muss die phänotypische Erfassung systematisch werden – sonst wird die subjektive Wahrnehmung des Betriebsleiters zur unscharfen Bewertungsbasis.

Zur standardisierten phänotypischen Erfassung gehören die lineare Beschreibung beziehungsweise Klassifizierung, Eutertyp und -aufhängung, Strichplatzierung, Fundament, Klauen, Bewegung, Körperkapazität, Stärke, Milchfluss und Melkbarkeit, der Verlauf der Zellzahl, Fruchtbarkeit, Besamungsaufwand, Zwischenkalbezeit, Gesundheitsereignisse wie Mastitis, Klauenprobleme, Stoffwechselstörungen oder Nachgeburtsverhalten – ergänzt um Verhaltensdaten aus dem Melksystem, Futteraufnahme und allgemeine Robustheit. ICAR und die World Holstein Friesian Federation betonen, dass die lineare Exterieurbeschreibung den subjektiven Gesamteindruck durch eine Reihe einzeln definierter Merkmale ersetzt – und damit zwischen Betrieben, Klassifizierern und Generationen vergleichbar wird.


Der Phänotyp lügt nicht. Er ist nur stiller als der Index.


Kernsatz: Ohne standardisierten Phänotyp wird im Großbestand jeder Indexvergleich zur Spekulation.


Die beste Zuchtkuh ist nicht immer die höchste Indexkuh


In der Praxis lohnt sich ein zweistufiger Blick. Zuerst wird genomisch sortiert – das ist schnell, konsistent und reproduzierbar. Dann werden die besten Tiere phänotypisch geprüft. Dabei fallen häufig Tiere aus der genomischen Spitzengruppe heraus: zu schwaches Fundament, ungünstige Strichplatzierung, zu wenig Körperkapazität, auffälliges Verhalten oder eine Kuhfamilie, die zwar hohe Zahlen produziert, aber im Alltag nicht hält.

Umgekehrt sind Tiere mit nicht ganz extremen Indexwerten oft züchterisch sehr interessant, wenn sie ein starkes Gesamtpaket bringen: solide Familie, funktionaler Körper, problemloser Laktationsstart, hohe Inhaltsstoffe, stabile Gesundheit, passende Blutführung. Für ein hochwertiges Zuchtprogramm reicht deshalb kein Excel-Ranking. Es braucht eine regelmäßige Zuchtkonferenz im Betrieb: Daten auswerten, Tiere am Stall ansehen, Familien prüfen, Anpaarung planen. Diese Zuchtkonferenz ist im Großbestand das Gegenstück zur abendlichen Stallrunde des klassischen Züchters.


Die beste Zuchtkuh ist die, die in der Spitze rechnet und im Stall trägt.


Kernsatz: Wer nur sortiert, findet die höchste Zahl. Wer sortiert und prüft, findet die richtige Kuh.


Die Kuhfamilie wird wieder wichtiger – aber anders als früher


Eine der überraschenden Entwicklungen der genomischen Ära ist die Renaissance der Kuhfamilie. Genomik hat die Familie nicht abgeschafft – sie hat sie überprüfbar gemacht. Früher war eine Kuhfamilie eine Geschichte: „Aus der Linie kommen gute Kühe.“ Heute lässt sich diese Geschichte mit Daten prüfen: Leistung über mehrere Generationen, Nutzungsdauer, Exterieurbewertungen, Zellzahltrend, Fruchtbarkeit, genomische Stabilität, wiederkehrende Stärken und Schwächen.

Eine Familie ist dann züchterisch wertvoll, wenn sie nicht nur einzelne Ausreißer produziert, sondern wiederholbar funktionierende Tiere bringt. Diese Wiederholbarkeit ist auch wissenschaftlich begründet. Cole und VanRaden (2011) haben in ihrer Arbeit zu Mendel-Stichproben und Selektionsgrenzen gezeigt, dass innerhalb einer Familie deutliche Spielräume bestehen – aber auch klar begrenzte. Eine starke Familie liefert nicht nur eine starke Tochter; sie liefert verlässlich eine Verteilung, deren Mitte hoch liegt. Das ist der wahre Familienwert.

Gerade für ET-Kandidatinnen ist diese Wiederholbarkeit entscheidend. Eine Färse mit hohem genomischem Wert ohne belastbare Familie ist ein anderes Risiko als eine Färse aus einer Linie, die über Generationen Leistung, Exterieur und Fitness kombiniert hat. Der genomische Wert sagt etwas über die Karten in der Hand. Die Familie sagt etwas darüber, wie sie in dieser Linie üblicherweise gespielt werden.


Eine Familie ist nicht eine Kuh. Sie ist eine Verteilung – und eine Verteilung lügt seltener.


Kernsatz: Genomik macht die Kuhfamilie nicht überflüssig. Sie macht sie ehrlicher.


Embryotransfer als Verstärker, nicht als Reparatur


ET ist kein Reparaturprogramm für unausgewogene Tiere. ET ist ein Verstärker. Er multipliziert das, was ein Tier mitbringt – im Guten wie im Problematischen. Deshalb muss vor jeder ET-Entscheidung sehr genau geklärt werden, was eigentlich verstärkt wird. Mapletoft und Bó (2016) ordnen den Embryotransfer in der Cabi-Übersichtsliteratur als zuchtmethodisch leistungsfähigstes Werkzeug ein, sofern er auf züchterisch tatsächlich überlegene Tiere angewendet wird; Hansen (2020) ergänzt im Annual Review of Animal Biosciences die methodischen Reife- und Erfolgsfaktoren moderner Reproduktionstechniken.

Aus Beratungspraxis und Literatur ergibt sich ein klares Mindestprofil für ET-Kandidatinnen: Sie sollten im oberen genetischen Segment des Betriebs liegen, einen klaren züchterischen Mehrwert bieten und keine gravierenden Schwächen in Fruchtbarkeit, Zellzahl, Fundament oder Euter zeigen. Die Kuhfamilie sollte interessant oder mindestens belastbar solide sein, die Blutführung passend, die phänotypische Erscheinung überzeugend, und es dürfen keine bekannten genetischen Risiken vorliegen. Wer diese Punkte ehrlich abprüft, vermeidet die klassischen ET-Fehlinvestitionen – und beschleunigt den Zuchtfortschritt im Betrieb deutlich.


ET multipliziert Stärken – aber leider auch Schwächen. Beides bewusst zu wissen, ist der Anfang.


Kernsatz: ET-Kandidatinnen sind nicht hoch. Sie sind vollständig.


Inzucht und Erbfehler gehören ins Zentrum


Je größer der genetische Fortschritt, desto wichtiger wird die Kontrolle der genetischen Vielfalt. Wer immer die gleichen populären Bullenlinien nutzt, erzeugt kurzfristig hohe Werte, aber langfristig ein engeres Zuchtfenster. Doekes et al. (2018) haben für die niederländische Holstein-Friesian-Population dokumentiert, dass der jährliche Zuwachs der genomischen Inzucht seit Beginn der genomischen Ära beschleunigt zugenommen hat. Mäki-Tanila und Toro (2014) ordnen diese Entwicklung in den größeren Kontext der Diversitätsregulierung in Nutztierpopulationen ein und plädieren für eine bewusste Steuerung statt eines passiven Drifts.

Zu jedem hochwertigen Zuchtprogramm gehören deshalb feste Routinen: eine Inzuchtkontrolle bei jeder Anpaarung, die Prüfung von Haplotypen und rezessiven Erbfehlern, die Beobachtung dominanter Blutlinien, die bewusste Nutzung von Outcross-Bullen, die Vermeidung enger Wiederholungsanpaarungen und die Bereitschaft, gelegentlich Tiere aus dem Top-Index auszulassen, wenn sie genetisch zu eng zur Herde stehen. vit Verden weist im Rahmen der Zuchtwertschätzung explizit auf den Mehrwert genomischer Informationen für das Inzuchtmanagement und die Erkennung rezessiver Anlagen hin – ein Aspekt, der die einfache „Ranking-Optimierung“ deutlich übersteigt.


Inzuchtfortschritt ist Zinseszins. Er wirkt leise – und kommt spät.


Kernsatz: Im Großbestand ist Inzuchtkontrolle keine Nebenfrage – sie ist Teil der eigentlichen Zuchtarbeit.


Die Rolle des Züchters: vom Tierkenner zum Systemkenner


Der moderne Züchter im Großbestand muss nicht mehr jede Kuh auswendig kennen. Er muss aber sein System kennen. Er muss nicht jede Zahl selbst rechnen. Er muss aber verstehen, welche Zahlen wichtig sind. Er muss nicht jeden Tag jedes Tier ansehen. Er muss aber wissen, welche Tiere heute angesehen gehören – und warum. Das ist die neue Kunst der Zuchtarbeit: aus einer großen Herde die richtigen Tiere sichtbar zu machen.

Diese Verschiebung ist nicht trivial. Sie verlangt eine andere Art von Aufmerksamkeit – weniger flächendeckend, dafür gezielter und informierter. Sie verlangt auch Disziplin, weil das System nur so gut ist wie seine konsequente Pflege: regelmäßige Genotypisierungen, sauber gepflegte Phänotyp-Daten, klar definierte Zuchtgruppen, eine ehrliche Zuchtkonferenz im Routineintervall. Aus Beratungssicht ist genau diese Disziplin der Punkt, an dem viele Großbestände stehen bleiben. Werkzeuge sind verfügbar; ihre konsequente Nutzung macht den Unterschied.


Er muss nicht jede Kuh kennen. Er muss wissen, welche Kuh er kennen sollte.


Kernsatz: Im Großbestand wird der Züchter zum Systemkenner – ohne deshalb den Tierblick zu verlieren.


Fünf Werkzeuge für die Zuchtarbeit im Großbestand


Die folgenden fünf Werkzeuge fassen das System in unmittelbar umsetzbare Stallpraxis. Sie wirken einzeln, ihre volle Stärke entfalten sie in Kombination.


🧭 Werkzeug 1 — Der 5-Stufen-Filter für Elite-Tiere

Vom anonymen Kalb zum gezielten Eliteinstrument

Stufe 1 — Genomischer Vorfilter:

   •  Top-Tiere nach betriebseigenem Index, nicht nach pauschalem Gesamtzuchtwert

Stufe 2 — Ausschlusskriterien:

   •  zu hohe Inzucht, bekannte Erbfehler, schlechte Zellzahlveranlagung,

   •  schwache Fruchtbarkeit, problematische Kalbemerkmale

Stufe 3 — Phänotypischer Check:

   •  Euter, Fundament, Körper, Melkbarkeit, Verhalten, Aufzuchtentwicklung

Stufe 4 — Kuhfamilie prüfen:

   •  Hält die Familie über mehrere Generationen?

   •  Gibt es langlebige Kühe – oder nur einzelne hohe Zahlen?

Stufe 5 — Nutzung festlegen:

   •  ET, gesextes Sperma, gezielte Reinzucht, normale Besamung,

   •  oder bewusst keine weibliche Nachzucht

Praxisnutzen

konsequent identifizierte Elite-Tiere statt zufälliger Sortierung nach Index.


📊 Werkzeug 2 — Vier Zuchtgruppen für eine große Herde

Wer alle Tiere gleich behandelt, verteilt Zuchtfortschritt zufällig

Top 5–10 % – Elitegruppe:

   •  ET, gesextes Sperma, gezielte Eliteanpaarung

   •  ggf. Embryonen- und Zuchttierverkauf

Folgende 30–40 % – Reinzucht:

   •  hochwertige weibliche Nachzucht

   •  gesextes Sperma nach Bedarf

Mittelfeld:

   •  konventionelles Sperma oder ausgewählte Fleischrasse

   •  abhängig von Remontierungsbedarf

Untere Gruppe:

   •  konsequent Beef-on-Dairy oder Verkauf

   •  keine weibliche Nachzucht erzeugen

Praxisnutzen

Zuchtfortschritt wird gezielt – und Aufzuchtkosten gehen in die richtige Genetik.


🗓️ Werkzeug 3 — Zuchtprogramm im Zeitstrahl

Vom Kalb bis zur ersten Laktation – wann was passiert

Geburt bis 3 Monate:

   •  DNA-Probe ziehen, Abstammung sichern

   •  genomische Werte abrufen, erste Gruppierung

3 bis 8 Monate:

   •  Aufzuchtentwicklung kontrollieren

   •  Gesundheitsereignisse dokumentieren, Schwächen markieren

Besamungsalter:

   •  endgültige Einteilung in Elite, Reinzucht, Normal, Beef-on-Dairy

Vor erster Kalbung:

   •  Prüfung von Entwicklung, Fundament, Becken, Körper, Familieninformation

Nach erster Kalbung:

   •  phänotypischer Realitätscheck: Euter, Melkbarkeit, Zellzahl,

   •  Fruchtbarkeit, Persistenz

Nach 100–150 Laktationstagen:

   •  Entscheidung über züchterische Aufwertung: ET, gezielte Anpaarung,

   •  Embryonennutzung oder Verkauf von Nachkommen

Praxisnutzen

Zuchtarbeit wird zur Routine – nicht zur Improvisation.


🐄 Werkzeug 4 — ET-Kriterien-Check

ET ist Verstärker, nicht Reparatur

Mindestanforderungen:

   •  oberes genetisches Segment im Betrieb

   •  klarer züchterischer Mehrwert

   •  keine gravierenden Schwächen in Fruchtbarkeit, Zellzahl,

   •  Fundament oder Euter

   •  interessante oder solide Kuhfamilie

   •  passende Blutführung

   •  vermarktbare Geschichte

   •  phänotypisch überzeugender Eindruck

   •  keine bekannten genetischen Risikofaktoren

Merksatz

wer einen schwachen Punkt hat, sollte ihn nicht zwölfmal kopieren – das ist Embryotransfer im Schnelldurchlauf.


🧬 Werkzeug 5 — Inzucht- und Erbfehler-Routine

Genetische Breite ist eine Investition – nicht ein Verzicht

Pflicht in jedem Großbestand:

   •  Inzuchtkontrolle je Anpaarung (typischerweise 6–8 % Grenze)

   •  Prüfung auf Haplotypen und rezessive Erbfehler

   •  Beobachtung dominanter Blutlinien

   •  bewusste Nutzung von Outcross-Bullen

   •  Vermeidung enger Wiederholungsanpaarungen

   •  Bereitschaft, gelegentlich auf Top-Index zu verzichten,

   •  wenn die Verwandtschaft zu eng ist

Praxisnutzen

Schutz vor stiller Inzuchtdrift – und Erhalt genetischer Optionalität für die nächste Generation.


Fazit: Die besten Tiere findet man nicht – man filtert sie heraus


In großen Herden entstehen Elite-Tiere nicht dadurch, dass der Betriebsleiter zufällig eine besondere Kuh entdeckt. Sie entstehen dadurch, dass der Betrieb ein System hat, das besondere Tiere früh sichtbar macht. Genomik liefert den ersten starken Filter. Der Phänotyp liefert den Realitätscheck. Die Kuhfamilie liefert die Wiederholbarkeit. Das Zuchtziel liefert die Richtung. Und der Betriebsleiter trifft am Ende die Entscheidung – auf einer Datenbasis, die er allein niemals zusammengetragen hätte.

Die Zukunft der Zucht im großen Milchviehbetrieb gehört nicht dem Algorithmus allein. Sie gehört auch nicht dem alten Bauchgefühl allein. Sie gehört Betrieben, die beides verbinden – Daten, die sortieren, Augen, die prüfen, und Züchter, die entscheiden. Das ist anspruchsvoller als ein einzelner der drei Wege. Aber es ist auch der einzige Weg, der dem Großbestand wirklich gerecht wird.


Daten sortieren. Augen prüfen. Züchter entscheiden – in dieser Reihenfolge wird Zucht im Großbestand robust.


Quellen


  • Pirchner, F. (1983): Population Genetics in Animal Breeding. Plenum Press, New York.

  • Falconer, D. S.; Mackay, T. F. C. (1996): Introduction to Quantitative Genetics. 4. Aufl., Longman.

  • Mrode, R. A. (2014): Linear Models for the Prediction of Animal Breeding Values. 3. Aufl., CABI.

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  • VanRaden, P. M. (2008): Efficient methods to compute genomic predictions. Journal of Dairy Science 91 (11), S. 4414–4423.

  • Hayes, B. J.; Bowman, P. J.; Chamberlain, A. J.; Goddard, M. E. (2009): Invited review: Genomic selection in dairy cattle – progress and challenges. Journal of Dairy Science 92 (2), S. 433–443.

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  • Miglior, F. et al. (2017): A 100-year review: Identification and genetic selection of economically important traits in dairy cattle. Journal of Dairy Science 100 (12), S. 10251–10271.

  • Cole, J. B.; VanRaden, P. M. (2011): Use of haplotypes to estimate Mendelian sampling effects and selection limits. Journal of Animal Breeding and Genetics 128, S. 446–455.

  • Boichard, D.; Brochard, M. (2012): New phenotypes for new breeding goals in dairy cattle. Animal 6 (4), S. 544–550.

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  • Mäki-Tanila, A.; Toro, M. A. (2014): Some thoughts on the regulation of genetic diversity in livestock populations. Acta Agriculturae Scandinavica, Section A.

  • De Vries, A. (2020): Symposium review: Why revisit dairy cattle productive lifespan? Journal of Dairy Science.

  • Mapletoft, R. J.; Bó, G. A. (2016): Bovine embryo transfer. CABI Reviews.

  • Hansen, P. J. (2020): Implications of assisted reproductive technologies for pregnancy outcomes in mammals. Annual Review of Animal Biosciences.

  • ICAR (2021): Guidelines for genetic evaluation in dairy cattle und Section 5: Conformation Recording.

  • World Holstein Friesian Federation (laufende Veröffentlichungen): International Type Evaluation Standards.

  • vit Verden (laufende Veröffentlichungen): KuhVision – Genomisches Herdenmanagement, sowie jährliche Zuchtwertstatistiken Holstein.

  • Erfahrungswerte aus der Beratungspraxis des Autors.


Zum Autor


Helmut Demmelhuber ist Unternehmensberater mit Sitz in Tübingen, Baden-Württemberg, und Experte für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Rinderzucht. Er wuchs auf einem bayerischen Milchviehbetrieb auf und ist seit 2025 wieder aktiv als Holstein-Züchter tätig. Er berät Züchter und Zuchtorganisationen bei der praxisnahen Integration von KI in der Rinderzucht.


 
 
 

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