Leistung gegen Balance
- Helmut Demmelhuber

- 4. Juli
- 7 Min. Lesezeit
Haben wir in der Holsteinzucht die richtige Gewichtung? Ein Diskussionsbeitrag zur Rolle von Leistung, Gesundheit und Gesamtzuchtwerten Helmut Demmelhuber | Unternehmensberater und Holsteinzüchter |
Wer regelmäßig internationale Zuchtwertlisten studiert, stößt immer wieder auf ein bemerkenswertes Phänomen: Tiere mit außergewöhnlichen Produktionszuchtwerten gehören im amerikanischen System zur absoluten Spitzengruppe – während dieselbe Genetik im deutschen RZG oft nur im guten Mittelfeld landet. Wie kann ein und dasselbe Tier gleichzeitig Spitzenklasse und Durchschnitt sein? Die Antwort liegt nicht in den Tieren, sondern in zwei grundverschiedenen Zuchtphilosophien. Und dahinter steht eine Frage, die unbequemer ist als jede Bullenlinie: Züchten wir die wirtschaftlichste Kuh – oder die am besten bewertete?

Zwei Systeme, zwei Denkweisen
Das amerikanische System mit TPI und insbesondere NM$ (Net Merit Dollar) legt traditionell einen starken Fokus auf die ökonomische Leistung der Kuh. Milchmenge, Fett- und Eiweißertrag haben einen hohen Stellenwert und wirken sich direkt auf die berechnete Wirtschaftlichkeit aus. Net Merit Dollar ist von seiner Konstruktion her ein ökonomischer Index – er versucht, den monetären Wert eines Tieres über seine Lebensleistung abzubilden.
Der deutsche RZG verfolgt dagegen bewusst einen breiteren Ansatz. Neben der Leistung fließen Gesundheit, Fruchtbarkeit, Nutzungsdauer, Kälberfitness, Exterieur und weitere funktionale Merkmale in die Gesamtbewertung ein. Mit der Überarbeitung des RZG im Jahr 2021 wurden die direkten Gesundheitsmerkmale nochmals deutlich stärker gewichtet, während der relative Anteil der Milchleistung reduziert wurde. Ziel war eine klarere Ausrichtung auf Tiergesundheit und Tierwohl.
| USA – TPI / NM$ | Deutschland – RZG |
Grundphilosophie | Maximale ökonomische Produktionsleistung | Balance aus Leistung und Funktion |
Schwerpunkt | Milch, Fett, Eiweiß; Net Merit Dollar | Leistung plus Gesundheit, Fitness, Nutzungsdauer |
Milchgewichtung | Sehr hoch | Wichtigstes Einzelmerkmal, aber 2021 reduziert |
Gesundheitsmerkmale | Berücksichtigt, geringeres Gewicht | Seit 2021 deutlich höher gewichtet |
Zuchtleitbild | Die produktivste Kuh | Die komplette Kuh |
Gesellschaftl. Anschluss | Marktorientiert | Stärker auf Tierwohl ausgerichtet |
Die Grundidee hinter dem deutschen Ansatz ist nachvollziehbar: Eine leistungsstarke Kuh ist nur dann wirtschaftlich, wenn sie auch gesund bleibt, regelmäßig tragend wird und eine lange Nutzungsdauer erreicht. Eine Hochleistungskuh, die nach zwei Laktationen geht, ist betriebswirtschaftlich oft ein Verlustgeschäft.
Kernsatz: Die beiden Systeme bewerten nicht unterschiedliche Tiere – sie bewerten dieselben Tiere nach unterschiedlichen Wertvorstellungen.
Die Beobachtung aus der Praxis
Dennoch stellt sich die Frage, ob die aktuelle Gewichtung immer den wirtschaftlichen Realitäten moderner Milchviehbetriebe entspricht.
Viele der leistungsstärksten internationalen Genetiklinien bringen heute problemlos über 100 Kilogramm Fettzuchtwert mit. Hohe Inhaltsstoffleistungen sind längst kein Ausnahmefall mehr. Gleichzeitig verlieren diese Tiere im deutschen Gesamtindex häufig Punkte bei Gesundheits- oder Fitnessmerkmalen. Das Ergebnis: Ein Tier mit außergewöhnlicher Produktionsleistung erreicht möglicherweise keinen Spitzen-RZG – obwohl es aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht hochinteressant sein könnte.
Das typische Muster auf dem Zuchtwertblatt Ein Beispieltier mit starker US-Abstammung kann etwa so aussehen: • Fettzuchtwert: +110 kg (Spitzenwert) • Eiweißzuchtwert: +55 kg (sehr hoch) • RZM (Milchwert): 150+ (Spitzengruppe) • RZGesund / RZFruchtbarkeit: unter 100 (unterdurchschnittlich) → RZG gesamt: gutes Mittelfeld – trotz herausragender Produktion → TPI / NM$: Spitzengruppe |
Genau an diesem Punkt beginnt die Diskussion: Bewerten wir hier dasselbe Tier richtig – oder bewerten zwei Systeme zwei verschiedene Dinge?
Wird Gesundheit möglicherweise übergewichtet?
Diese Frage wird in Züchterkreisen selten offen gestellt. Sie verdient aber eine sachliche Betrachtung – gerade weil sie auf den ersten Blick fast ketzerisch klingt.
Die ökonomische Logik ist unbestreitbar asymmetrisch: Leistung erzeugt Umsatz. Gesundheit verursacht oder spart Kosten. Ein zusätzliches Kilogramm Fett bringt unmittelbar Erlös. Gesundheit dagegen wirkt indirekt – sie verhindert Kosten, die sonst entstanden wären. Beides ist wirtschaftlich relevant, aber sie wirken auf unterschiedliche Weise.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Ist Gesundheit wichtig? Darüber besteht weitgehend Einigkeit. Die entscheidende Frage lautet: Wie hoch ist der wirtschaftliche Nutzen zusätzlicher Gesundheitsmerkmale im Vergleich zum wirtschaftlichen Nutzen zusätzlicher Produktionsleistung? Und genau hier unterscheiden sich die internationalen Systeme erheblich.
⚖️ Die zwei Seiten der Gleichung Was für eine starke Gesundheitsgewichtung spricht: • Ein Mastitisfall kostet je nach Schwere mehrere hundert Euro • Schlechte Fruchtbarkeit verlängert Zwischenkalbezeiten und kostet Erlös • Kurze Nutzungsdauer erhöht die Remontierungskosten erheblich
Was für eine stärkere Leistungsgewichtung spricht: • Fett und Eiweiß erzeugen direkt und sofort Erlös • In Märkten mit Inhaltsstoffbezahlung ist der Hebel groß • Die Leistungsbasis lässt sich genetisch zuverlässig steigern |
Kernsatz: Niemand bestreitet, dass Gesundheit zählt. Die Streitfrage ist, wie viel sie im Vergleich zur Produktion zählen sollte.
Die deutsche Antwort: Die ganze Kuh im Blick
Die Verantwortlichen der deutschen Holsteinzucht argumentieren, dass die Leistungsbasis der Population inzwischen so hoch sei, dass weitere Fortschritte stärker über Gesundheit, Robustheit und Tierwohl erzielt werden sollten. Milchleistung bleibt zwar weiterhin das wichtigste Einzelmerkmal im RZG, wurde jedoch bewusst zugunsten direkter Gesundheitsmerkmale reduziert.
Der deutsche Ansatz verfolgt damit das Ziel einer möglichst kompletten Kuh: hohe Leistung, gute Gesundheit, lange Nutzungsdauer, funktionales Exterieur und gute Fruchtbarkeit in einem ausgewogenen Gesamtpaket. Aus züchterischer Sicht ist das ein logischer Weg – und einer, der sich gesellschaftlich gut vermitteln lässt. In einer Zeit wachsender Aufmerksamkeit für Tierwohl ist ein Zuchtziel, das Gesundheit explizit gewichtet, auch ein kommunikatives Argument.
Kernsatz: Die komplette Kuh ist ein attraktives Leitbild – die Frage ist nur, ob komplett und profitabel immer dasselbe bedeuten.
Aber was ist die wirtschaftlichste Kuh?
Hier beginnt die eigentliche Debatte. Denn viele erfolgreiche Milchviehbetriebe leben nicht von Kühen mit den höchsten Gesundheitsindizes. Sie leben von Kühen, die ausreichend gesund bleiben, zuverlässig tragend werden – und vor allem große Mengen Fett und Eiweiß produzieren.
Die wirtschaftliche Bedeutung von 30, 50 oder gar 80 Kilogramm zusätzlichem Fett wird in Diskussionen häufig unterschätzt. Ein einfaches Rechenbeispiel macht die Größenordnung sichtbar:
Mehrleistung Fett/Jahr | +30 kg | +50 kg | +80 kg |
Zusätzlicher Erlös (Fett ≈ 4 €/kg*) | ≈ 120 € | ≈ 200 € | ≈ 320 € |
Über 3 Laktationen | ≈ 360 € | ≈ 600 € | ≈ 960 € |
Pro 50 Kühe / Jahr | ≈ 6.000 € | ≈ 10.000 € | ≈ 16.000 € |
* Vereinfachtes Rechenbeispiel zur Veranschaulichung der Größenordnung. Der tatsächliche Fettpreis schwankt erheblich nach Markt, Molkerei und Auszahlungssystem; in Märkten mit starker Inhaltsstoffbezahlung kann der Hebel deutlich größer ausfallen.
Gerade in Märkten mit starker Inhaltsstoffbezahlung können diese Unterschiede erhebliche Auswirkungen auf den Deckungsbeitrag einer Kuh haben. Über eine ganze Herde und mehrere Jahre summieren sich vermeintlich kleine Leistungsunterschiede zu Beträgen, die betriebswirtschaftlich relevant sind.
Daher die Frage: Wird die ökonomische Bedeutung von Spitzenleistung im deutschen Zuchtziel möglicherweise unterschätzt?
Kernsatz: Der wirtschaftliche Unterschied zwischen 80 und 120 Kilogramm Fett ist oft größer, als viele Züchter vermuten – und er steht jedes Jahr aufs Neue im Milchtank.
Vielleicht gibt es kein Richtig oder Falsch
Vermutlich liegt die Wahrheit – wie so oft – zwischen den Extremen. Ein rein leistungsorientiertes System birgt reale Risiken hinsichtlich Gesundheit und Langlebigkeit. Die Geschichte der Holsteinzucht hat eindrücklich gezeigt, wohin eine einseitige Selektion auf Produktion führen kann: sinkende Fruchtbarkeit, kürzere Nutzungsdauer, mehr Stoffwechselprobleme.
Ein sehr stark auf Gesundheit fokussiertes System könnte dagegen Gefahr laufen, wirtschaftlich interessante Leistungsunterschiede zu wenig zu honorieren – und damit Genetik zu benachteiligen, die für viele Betriebe hochrentabel wäre. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, eine Seite zu gewinnen. Sie besteht darin, den optimalen wirtschaftlichen Kompromiss zu finden.
🎯 Ein pragmatischer Blick für den einzelnen Betrieb Statt auf die Systemdebatte zu warten, kann jeder Betrieb für sich entscheiden: • Welche Bezahlung erhalte ich? Stark inhaltsstofforientiert oder mengenorientiert? • Wie ist meine aktuelle Herdengesundheit? Habe ich Reserven oder Baustellen? • Wie hoch ist meine Remontierungsrate – und woran scheitern meine Kühe?
Daraus folgt die individuelle Gewichtung: • Gesunde, langlebige Herde mit Inhaltsstoffbezahlung → Leistung stärker gewichten • Herde mit Gesundheits- und Fruchtbarkeitsproblemen → Fitness stärker gewichten |
Kernsatz: Der richtige Kompromiss steht nicht im Index. Er steht in der Bilanz des einzelnen Betriebs.
Ein Blick in die Zukunft: verschiebt Technik die Gewichtung?
Ein Gedanke, der die Debatte in den kommenden Jahren noch interessanter machen dürfte: Mit Sensorik, Gesundheitsmonitoring und verbessertem Management könnte sich die Bedeutung genetischer Gesundheitsmerkmale verändern.
Wenn Krankheiten durch Sensoren und KI-gestützte Frühwarnsysteme deutlich früher erkannt und behandelt werden – muss dann Gesundheit genetisch noch so stark gewichtet werden wie heute? Oder gewinnt die Produktion wieder an relativem Gewicht, weil das Management einen Teil der Gesundheitsrisiken auffängt, die früher rein genetisch abgepuffert werden mussten?
Das ist keine rhetorische Frage. Die Antwort wird davon abhängen, wie stark sich Managementtechnologie tatsächlich durchsetzt – und ob sie genetische Robustheit ergänzt oder teilweise ersetzt. Eines ist sicher: Die Gewichtung von heute ist keine Naturkonstante. Sie ist eine Momentaufnahme, die sich mit der Technik weiterentwickeln wird.
Kernsatz: Je besser das Management Krankheiten abfängt, desto mehr verschiebt sich die Frage zurück zur Produktion. Die Gewichtung von heute ist nicht die von morgen.
Fazit: Fehlerfrei oder profitabel?
Die Diskussion „Leistung gegen Balance" ist keine Auseinandersetzung zwischen Deutschland und den USA. Es geht nicht darum, ein System zum Sieger und ein anderes zum Verlierer zu erklären. Beide Systeme sind in sich konsistent – sie beantworten nur unterschiedliche Fragen.
Die eigentliche Frage ist grundsätzlicher. Sie betrifft jeden Züchter, unabhängig davon, ob er nach RZG oder TPI selektiert: Wollen wir die möglichst fehlerfreie Kuh züchten – oder die möglichst profitable Kuh? Und sind diese beiden Ziele tatsächlich identisch?
Diese Frage wird die Holsteinzucht in den kommenden Jahren vermutlich stärker beschäftigen als jede neue Bullenlinie oder jede neue genomische Methode. Denn am Ende entscheidet nicht der Index über den Erfolg eines Betriebs – sondern die Kuh im Stall. Und genau dort zeigt sich, welche Gewichtung langfristig die richtige war.
Züchten wir die möglichst fehlerfreie Kuh – oder die möglichst profitable? Und sind das wirklich zwei Namen für dasselbe Tier?
Quellen (Auswahl)
VIT (2021): Überarbeitung des Gesamtzuchtwertes RZG – Erläuterungen zur neuen Gewichtung. Verden.
VIT (2024): Zuchtwertschätzung Rind – Erläuterungen und Methoden. Verden.
Council on Dairy Cattle Breeding – CDCB (2023): Net Merit $ – Description and trait weights. Bowie, MD.
Cole, J. B. & VanRaden, P. M. (2018): Symposium review: Possibilities in an age of genomics – The future of selection indices. Journal of Dairy Science.
Miglior, F. et al. (2017): A 100-Year Review: Identification and genetic selection of economically important traits in dairy cattle. Journal of Dairy Science.
Interbull (2023): National genomic evaluation procedures for dairy cattle. Uppsala.
Erfahrungswerte aus der Beratungspraxis und den DairyTalk-Analysen des Autors.




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