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PTAT gegen HCC: Warum zwei Exterieurindizes dieselbe Kuh völlig unterschiedlich bewerten

  • Autorenbild: Helmut Demmelhuber
    Helmut Demmelhuber
  • 27. Juli
  • 8 Min. Lesezeit

Zwei Kennzahlen, zwei Philosophien – und eine genetische Korrelation von nur 0,15

Helmut Demmelhuber  |  Unternehmensberater und Holsteinzüchter

 

Über Jahrzehnte gab es in der Holsteinzucht nur einen Maßstab für das Exterieur: die Predicted Transmitting Ability for Type, kurz PTAT. Ein hoher Typwert galt als Beleg für Qualität, Eleganz und Zuchtwert. Mit dem Holstein Conformation Composite (HCC) hat die Holstein Association USA 2026 erstmals einen zweiten offiziellen Exterieurindex vorgestellt, der dieselben 18 linearen Merkmale verwendet und dennoch zu völlig anderen Ranglisten führt. Das ist kein Widerspruch in den Daten. Es ist der sichtbare Ausdruck zweier grundverschiedener Fragen an ein und dieselbe Kuh.



1.  Zwei Indizes, dieselbe Kuh, ein anderer Maßstab

Der HCC ersetzt PTAT nicht. Beide Kennzahlen bleiben offiziell, beide werden veröffentlicht, und die Klassifizierung selbst ändert sich durch den HCC nicht. Doch die Holstein Association USA stellt ausdrücklich klar, dass PTAT und HCC das Exterieur auf unterschiedliche Weise beschreiben. HCC-Werte werden ab Juli 2026 für aktive Besamungsbullen ausgewiesen und ab August 2026 zu einem offiziellen Merkmal für alle Holsteins.

Der Unterschied liegt nicht in den Merkmalen, sondern in der Zielfrage. PTAT beantwortet: Wie hoch fällt die Gesamt-Exterieurnote der Töchter aus? Der HCC beantwortet: Welche Kombination linearer Merkmale gehört zu einer mittelrahmigen, ausgewogenen, funktionalen Kuh, die über viele Laktationen produktiv bleibt? Es ist derselbe Datensatz, aber ein anderer Blick auf dieselbe Kuh.

Kernsatz: PTAT und HCC messen nicht unterschiedliche Kühe, sondern unterschiedliche Eigenschaften derselben Kuh.

2.  PTAT: die Logik des Final Score

PTAT ist eine genetische Bewertung, die allein auf dem Final Score der linearen Exterieurbeschreibung beruht. Vereinfacht ausgedrückt beschreibt der Wert die vererbte Fähigkeit eines Bullen, Töchter mit einem hohen Gesamt-Exterieur zu erzeugen. Als Instrument zur Abbildung klassischer Exterieurqualität ist PTAT hervorragend, und für Schauwesen, Klassifizierung und Prestige bleibt der Wert bedeutsam.

Die Schwäche liegt jedoch im Prinzip. PTAT belohnt Höhe. Je stärker ein Merkmal ausgeprägt ist, je weiter „rechts“ ein Tier im linearen Profil liegt, desto besser fällt die Bewertung tendenziell aus. Über Jahrzehnte konsequenter Selektion verschob das zahlreiche Merkmale in Richtung ihrer Extremwerte: größere Kühe, höhere und breitere Hintereuter, immer ausgeprägtere Profile. Vieles davon war zunächst erwünscht. Doch das genetische Maximum eines Einzelmerkmals ist nicht automatisch das biologische Optimum der ganzen Kuh.

Kernsatz: PTAT fragt nach dem Maximum. Genau das war jahrzehntelang seine Stärke – und ist heute seine Grenze.

3.  HCC: die Logik des funktionalen Optimums

Der HCC verfolgt bewusst einen anderen Ansatz. Er gewichtet dieselben 18 linearen Merkmale nach ihrem Zusammenhang mit Langlebigkeit, Produktion und Ausgewogenheit und berücksichtigt dabei die genetischen Korrelationen zwischen den Merkmalen. Entwickelt wurde er aus der Verbindung von Züchtererfahrung, die das Zielbild definierte, und der empirischen Auswertung der Exterieur- und Nutzungsdaten der Holstein Association USA, die die Gewichte festlegte.

Für vier der Prinzipien ist der HCC ausdrücklich auf Zwischenwerte statt auf Extreme ausgerichtet: mittlere Optimalwerte für zentrale Merkmale, moderate Rahmengröße, auf Langlebigkeit und Produktionspotenzial ausgelegte Euter mit längeren Strichen und moderater hinterer Strichplatzierung sowie korrekte Füße und Beine. Das Leitbild beschreibt keine extreme Schaukuh und keine kompakte Kleinkuh, sondern die ausgewogene, dauerhafte Kuh, die Milchviehhalter als ihre wirtschaftlichste erkennen.

Kernsatz: Nicht das Maximum gewinnt, sondern das Optimum.

4.  Der mathematische Kern: Summe gegen Straffunktion

Der eigentliche Bruch zwischen beiden Indizes ist mathematischer Natur. Viele klassische Selektionsindizes und auch die Logik hinter PTAT arbeiten additiv: Höhere Merkmalswerte erhöhen den Indexwert. Der HCC dagegen ist kein einfacher gewichteter Summenindex.

Für jedes der 18 Merkmale definiert der HCC einen funktionalen Optimalwert. Anschließend misst die Formel die Abweichung eines Bullen von diesem Optimum und belegt sie mit einer quadratischen Strafe (penalty), die umso stärker wächst, je weiter sich das Tier vom Optimum entfernt – gleichgültig, ob nach oben oder nach unten. Die Optimalwerte sind in standardisierten PTA-Einheiten relativ zum Rassendurchschnitt angegeben, der sich mit jeder Basisänderung verschiebt. Ein vollständig „rechtsseitiges“ Profil oder eine STA von +3,0 ist damit ausdrücklich nicht das Ziel.

Weil die Merkmale genetisch korrelieren, spiegelt jedes Gewicht nicht die isolierte Bedeutung eines Merkmals wider, sondern seinen Effekt innerhalb des korrelierten Merkmalsverbunds. Wer etwa stärker auf hohe und breite Hintereuter selektiert, erhöht indirekt die Statur, weil diese Merkmale hoch korreliert sind. Genau solche Wechselwirkungen rechnet der HCC vor der Gewichtung heraus. Aussagekräftiger als das Einzelgewicht sind deshalb die Gruppenanteile.

Merkmalsgruppe

Merkmale

Gewichtsanteil

Körperbau / Rahmen

6

42 %

Euter

8

38 %

Füße und Beine

4

22 %

Gewichtsverteilung des HCC über die drei Merkmalsgruppen. Quelle: Holstein Association USA, „About the HCC“, 2026.

Kernsatz: PTAT summiert Höhe. Der HCC bestraft Abweichung vom Optimum. Das ist nicht dieselbe Rechnung mit anderen Zahlen, sondern eine andere Rechenlogik.

5.  Die 18 Merkmale, ihre Optima und ihre Richtung

Die folgende Tabelle zeigt für jedes lineare Merkmal das Gewicht, den Optimalwert und die Richtung. „Richtungshoch“ begünstigt Werte über dem Rassendurchschnitt, „richtungsniedrig“ Werte darunter, „mittel“ ein Ziel nahe dem Durchschnitt, wobei Werte weiter vom Optimum jeweils schlechter bewertet werden. Die Optima sind als Abweichung vom Rassendurchschnitt in STA-Einheiten angegeben.

Merkmal

Komponente

Gewicht

Optimum

Richtung

Statur

Rahmen

15,0 %

-1,5

richtungsniedrig

Stärke

Rahmen

9,0 %

+1,5

richtungshoch

Körpertiefe

Rahmen

3,0 %

+0,0

mittel

Milchtyp

Rahmen

4,0 %

+1,0

richtungshoch

Beckenneigung

Rahmen

6,0 %

+1,0

mittel

Beckenbreite

Rahmen

5,0 %

+0,5

mittel

Hinterbeine – Seitenansicht

Füße & Beine

5,0 %

+1,0

mittel

Hinterbeine – Rückansicht

Füße & Beine

2,0 %

+2,0

richtungshoch

Klauenwinkel

Füße & Beine

8,0 %

+1,5

richtungshoch

Fundament-Note (Füße & Beine)

Füße & Beine

7,0 %

+2,0

richtungshoch

Voreuter

Euter

6,0 %

+1,5

richtungshoch

Hintere Euterhöhe

Euter

3,0 %

+2,0

richtungshoch

Hintere Euterbreite

Euter

5,0 %

+2,0

richtungshoch

Euterband / Zentralband

Euter

8,0 %

+1,0

richtungshoch

Eutertiefe

Euter

5,0 %

+0,5

mittel

Vordere Strichplatzierung

Euter

2,0 %

+0,5

mittel

Hintere Strichplatzierung

Euter

4,0 %

-2,0

mittel

Strichlänge

Euter

5,0 %

+1,5

mittel

Die 18 linearen Merkmale des HCC mit Gewicht, Optimalwert (STA gegenüber Rassendurchschnitt) und Richtung. Quelle: Holstein Association USA, „About the HCC“, April-2026-Bewertung.

6.  Die Statur als Prüfstein

Kein Merkmal macht den Unterschied zwischen beiden Philosophien so deutlich wie die Statur. Über viele Jahre wurde Größe als Ausdruck von Stärke und Leistungsfähigkeit interpretiert und über hohe Typwerte indirekt gefördert. Der HCC dreht diese Richtung um: Die Statur ist mit einem Optimalwert von -1,5 richtungsniedrig gewichtet. Ausgewertete Daten zeigen, dass extrem kleine Kühe über ihr Leben weniger Milch geben, extrem große Kühe dagegen kürzer in der Herde bleiben. Das wirtschaftliche Optimum liegt dazwischen.

Bemerkenswert ist, wie der HCC dieses Ziel technisch erreicht. Weil Statur mit mehreren Merkmalen hoch korreliert, drückt die Formel die Statur nach unten, während sie Stärke und andere Merkmale nach oben zieht – und sie gewichtet Stärke (9,0 %) höher als Statur, obwohl die Statur formal das größere Einzelgewicht trägt (15,0 %). Ziel ist die moderate, kräftige Kuh, nicht die kleine. Der Rassestandard wurde parallel auf eine moderate Rahmengröße hin angepasst.

Kernsatz: Wo PTAT Größe tendenziell belohnt, zieht der HCC die Statur bewusst zurück – nicht zur kleinen, sondern zur mittelrahmigen, kräftigen Kuh.

7.  Die Korrelationen: was die Daten sagen

Die veröffentlichten Zahlen belegen, wie weit beide Indizes auseinanderliegen. Zwischen PTAT und HCC besteht über alle 4.375 verfügbaren Bullen der April-2026-Bewertung nur eine PTA-Korrelation von 0,15. Beide Kennzahlen messen also weitgehend Unterschiedliches. Zum Vergleich: Mit dem Euter-Composite (UDC) korreliert der HCC mit 0,25, mit dem Füße-und-Beine-Composite (FLC) mit 0,33 und mit dem Körper-Composite (BWC) mit nur 0,09 – während PTAT mit diesen Composites deutlich höher korreliert (0,85, 0,65 und 0,65).

Noch aussagekräftiger ist der Blick auf die wirtschaftlich relevanten Merkmale. Weil PTAT allein auf dem Final Score beruht und Langlebigkeit nicht direkt gewichtet, sind niedrige bis negative Zusammenhänge zu erwarten – und genau das zeigen die Daten. Der HCC, der mit Blick auf Langlebigkeit entwickelt wurde, kehrt die Vorzeichen um.

Merkmal

PTAT

HCC

TPI

-0,15

+0,23

Net Merit ($)

-0,43

+0,13

Milchertrag (lbs)

-0,11

+0,05

Fett (lbs)

-0,29

+0,12

Eiweiß (lbs)

-0,22

+0,13

Zellzahl-Score (SCS)

+0,10

-0,20

Töchter-Trächtigkeitsrate

-0,29

+0,12

Befruchtungsrate der Kühe

-0,35

+0,13

Nutzungsdauer (Productive Life)

-0,42

+0,22

Lebensfähigkeit (Livability)

-0,55

+0,10

Futtereffizienz

-0,37

+0,10

PTA-Korrelationen von PTAT bzw. HCC mit Leistungs-, Gesundheits- und Fruchtbarkeitsmerkmalen (n = 4.375, April 2026). Rot = ungünstig, grün = günstig. Quelle: Holstein Association USA.

Das Bild ist eindeutig. Bei PTAT ist der Zusammenhang zur Nutzungsdauer (-0,42), zur Lebensfähigkeit (-0,55) und zum Net Merit (-0,43) klar negativ. Beim HCC drehen sich diese Vorzeichen ins Positive, und einzig bei der somatischen Zellzahl ist ein negativer Wert erwünscht – dort erreicht der HCC mit -0,20 die günstigere Beziehung. Das ist die wissenschaftliche Grundlage des neuen Indexes.

Kernsatz: Ein Index, der Langlebigkeit und Wirtschaftlichkeit erfassen soll, muss mit ihnen positiv korrelieren. PTAT tut das nicht, der HCC tut es.

8.  Der Beweis in den Bullenlisten

Wie stark beide Maßstäbe auseinanderlaufen, zeigt sich am deutlichsten in den Ranglisten selbst. Wertet man die 200 besten HCC-Bullen der April-2026-Liste aus, so beträgt die Korrelation zwischen PTAT und HCC auch innerhalb dieser Spitzengruppe nur 0,14 – praktisch identisch mit dem Populationswert. Ein Spitzenplatz im HCC sagt über den PTAT-Wert eines Bullen fast nichts aus.

Der PTAT-Wert der 200 besten HCC-Bullen liegt im Mittel bei lediglich 0,86 und reicht von -0,32 bis 2,71. Neun dieser Bullen liegen im PTAT sogar unter dem Rassendurchschnitt und wären in einer reinen PTAT-Rangierung nicht aufgefallen. Das prominenteste Beispiel steht an der Spitze: Delta Powerlift führt die HCC-Liste mit dem Maximalwert von 3,11 an, erreicht im PTAT aber nur einen mittleren Wert von 0,52. Auch Bullen wie Delta Emoji (PTAT -0,25) rangieren im HCC unter den besten 15, obwohl ihr Typwert unter dem Durchschnitt liegt.

Bulle

HCC-Rang

HCC

PTAT

Delta Powerlift

1

3,11

0,52

Bomaz Rimrock

2

3,00

1,92

Westcoast Earlybird

4

2,68

0,90

Delta Fast Lane

9

2,56

0,20

Westcoast Lugnut

13

2,45

0,48

Delta Emoji

15

2,40

-0,25

Westcoast Alcove

19

2,34

0,61

Ausgewählte Spitzen-HCC-Bullen und ihre PTAT-Werte. Hohe HCC-Ränge gehen mit sehr unterschiedlichen, teils unterdurchschnittlichen Typwerten einher. Quelle: Holstein Association USA, „Top 200 HCC Bulls“, April 2026.

Kernsatz: Der beste HCC-Bulle ist kein PTAT-Spitzenbulle. Deutlicher lässt sich der Unterschied zweier Indizes kaum belegen.

9.  Was das für die Selektion bedeutet

Für den Züchter heißt das nicht, den einen Wert gegen den anderen auszuspielen, sondern beide bewusst einzusetzen. Wer auf Schaurinder, Exterieurwettbewerbe und klassische Klassifizierung hin selektiert, findet in PTAT weiterhin das passende Instrument. Wer Kühe für Robotermelkung, hohe Lebensleistung, stabile Gesundheit und wirtschaftliche Effizienz sucht, erhält mit dem HCC erstmals ein Werkzeug, das genau auf dieses Ziel zugeschnitten ist.

Der HCC ist als weiteres Exterieur-Werkzeug gedacht, das ähnlich wie PTAT, UDC und FLC in die Anpaarung einfließt. Wichtig ist, die niedrige Korrelation von 0,15 richtig zu lesen: Ein Bulle kann in beiden Indizes stark sein, aber Spitzenwerte im einen garantieren keine Spitzenwerte im anderen. Wer beide Kennzahlen nebeneinander betrachtet, erkennt Bullen, die ein hohes Exterieur mit funktionaler Ausgewogenheit verbinden – und unterscheidet sie von jenen, die nur in einer der beiden Dimensionen überzeugen.

Kernsatz: Die entscheidende Frage lautet nicht PTAT oder HCC, sondern: Welches Zuchtziel verfolge ich – und welcher Index misst es?

10.  Fazit

PTAT und HCC verwenden dieselben 18 linearen Merkmale und beschreiben dennoch zwei verschiedene Kühe im selben Tier. PTAT summiert Höhe und bildet klassische Exterieurqualität ab. Der HCC bestraft Abweichung vom funktionalen Optimum und bildet Langlebigkeit, Ausgewogenheit und Wirtschaftlichkeit ab. Die Korrelation von nur 0,15 ist deshalb kein Messfehler, sondern die ehrliche Zahl zweier unterschiedlicher Philosophien.

Die Einführung des HCC ist damit kein Bruch mit der bisherigen Exterieurzucht, sondern ihre Weiterentwicklung. Nach Jahrzehnten der Optimierung einzelner Merkmale rückt erstmals die Gesamtfunktion der Kuh in den Mittelpunkt. Die Botschaft der Daten ist klar: Die Zukunft gehört nicht der extremsten Kuh, sondern der Kuh, die am längsten gesund, leistungsfähig und wirtschaftlich bleibt.

Quellen

Holstein Association USA: About the Holstein Conformation Composite (HCC). Dr. Jason Graham & Dr. Jeffrey Bewley, Brattleboro, Vermont, 2026.

Holstein Association USA: Holstein Conformation Composite – Zusammenfassende Statistiken und Korrelationen, April-2026-Bewertung (n = 4.375 Bullen).

Holstein Association USA: Top 200 HCC Bulls – April 2026.

Holstein Association USA: Top 200 HCC Genomic Young Bulls – April 2026.

 
 
 

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