top of page

Rinderzucht 2040

  • Autorenbild: Helmut Demmelhuber
    Helmut Demmelhuber
  • 4. Juli
  • 10 Min. Lesezeit

Vom Zuchtverband zur genetischen Infrastruktur-Plattform – ein Zukunftsbild für die deutsche Rinderzucht zwischen Bewahrung und Erneuerung

Helmut Demmelhuber | Unternehmensberater und Holsteinzüchter

 

Wenn über die Rinderzucht des Jahres 2040 nachgedacht wird, greift die übliche Frage zu kurz. Sie lautet meist: Wird es dann noch regionale Zuchtverbände geben? Die wichtigere Frage ist eine andere: Welche Struktur braucht die deutsche Rinderzucht, wenn Genetik, Daten, Reproduktion, Klimaanforderungen, Tierwohl und internationale Märkte vollständig miteinander verschmelzen? Die Antwort verschiebt den Blick – weg von der Organisation, hin zur Infrastruktur. Dieser Beitrag würdigt zunächst, was die gewachsenen Strukturen geleistet haben, benennt dann ihre strukturellen Grenzen und stellt zwei Zukunftsszenarien einander gegenüber. Er versteht sich als Diskussionsgrundlage, nicht als fertiger Bauplan.



1.  Was das bestehende System geleistet hat

Eine seriöse Zukunftsdebatte beginnt nicht mit der Kritik, sondern mit der Anerkennung. Das deutsche Zuchtsystem ist kein Zufallsprodukt und kein Reformstau – es ist ein über Jahrzehnte gewachsenes Erfolgsmodell, das international Maßstäbe gesetzt hat. Wer es weiterentwickeln will, muss zuerst verstehen, warum es funktioniert hat.

Die organisierte deutsche Rinderzucht hat eine Datenqualität, Abstammungssicherheit und methodische Verlässlichkeit hervorgebracht, um die Deutschland weltweit beneidet wird. Die Leistungsprüfung über die LKV-Strukturen, die methodisch hochstehende Zuchtwertschätzung durch das vit in Verden, die genossenschaftlich verankerte Mitbestimmung der Züchter und die regionale Verankerung der Verbände sind keine Relikte. Sie sind die Grundlage, auf der genomische Selektion in Deutschland überhaupt erst zuverlässig funktioniert.

Gerade die genomische Zuchtwertschätzung zeigt das eindrücklich: Ihre Genauigkeit steht und fällt mit der Größe und Qualität der Referenzpopulation. Diese Referenzpopulation existiert nur, weil über Jahrzehnte hinweg standardisiert, kontrolliert und gemeinschaftlich Daten erhoben wurden. Was heute manchmal als schwerfällig empfunden wird, ist in Wahrheit die Voraussetzung für die Innovationen, die das System angeblich nicht hervorbringt.

 

Die Leistungen, die bewahrt werden müssen

• Herdbuchqualität und Abstammungssicherheit auf international hohem Niveau

• Methodisch unabhängige, wissenschaftlich fundierte Zuchtwertschätzung (vit)

• Flächendeckende, neutrale Leistungsprüfung (LKV-Strukturen)

• Genossenschaftliche Mitbestimmung und langfristige Populationsverantwortung

• Eine Referenzpopulation, die genomische Selektion erst belastbar macht

• Züchterkultur, Jungzüchterarbeit und regionale Identität

 

Kernsatz: Wer die deutsche Rinderzucht reformieren will, muss zuerst anerkennen, dass ihre größte Stärke – verlässliche, gemeinschaftlich erhobene Daten – genau die Ressource ist, auf der jede Zukunft aufbaut.

 

2.  Warum die gewachsene Logik an Grenzen stößt

Anerkennung bedeutet nicht Stillstand. Dasselbe System, das unter Bedingungen knapper Daten und regionaler Organisation optimal funktionierte, gerät unter neuen Bedingungen an strukturelle Grenzen. Das ist kein Vorwurf – es ist die normale Alterung erfolgreicher Strukturen.

Das heutige Modell ist auf eine Welt zugeschnitten, in der die entscheidenden Daten aus Milchkontrolle, Exterieurbeurteilung und Abstammung stammten, in der Zucht regional organisiert war und in der die Mitgliedschaft im Verband der natürliche Zugang zur Zuchtwelt darstellte. Alle drei Voraussetzungen verändern sich gerade grundlegend.

Bis 2040 werden die zuchtrelevanten Daten überwiegend nicht mehr aus der klassischen Leistungsprüfung kommen, sondern aus Sensorik, Melkrobotern, Gesundheitsmonitoring, Klauenpflegesystemen, Fütterungstechnik, Fruchtbarkeitssensoren, Methanmessung, genomischen Profilen, Embryonendaten und ökonomischen Betriebskennzahlen. Die zentrale Ressource ist dann nicht mehr das Herdbuch allein – sondern der gesamte Datenraum eines Tieres über sein Leben hinweg.

 

⚙️ Drei Verschiebungen, die das System unter Druck setzen

1. Von wenigen zu vielen Datenquellen

• Die Leistungsprüfung war einst die Hauptdatenquelle. Künftig ist sie eine von vielen – und nicht mehr automatisch die, die der Verband kontrolliert.

 

2. Von regionaler zu globaler Genetik

• Embryonen, Sperma und Zuchtwerte zirkulieren international. Regionale Zuständigkeiten passen immer schlechter zu einer global gewordenen Genetik.

 

3. Von der Mitgliedschaft zum Marktzugang

• Jüngere Betriebsleiter erwarten Datenzugang, offene Schnittstellen und freie Dienstleisterwahl – nicht den Zugang über die Verbandszugehörigkeit.

 

Kernsatz: Die Grenzen des heutigen Systems liegen nicht in mangelnder Kompetenz, sondern darin, dass es für eine Datenwelt gebaut wurde, die es so nicht mehr gibt.

 

3.  Der rechtliche Rahmen: Schutz mit Schwelle

Jede Strukturdebatte in der Tierzucht bewegt sich innerhalb eines klaren rechtlichen Rahmens. Die EU-Tierzuchtverordnung (Verordnung 2016/1012) regelt europaweit die Anerkennung von Zuchtverbänden und Zuchtunternehmen, die Genehmigung von Zuchtprogrammen, die Führung von Zuchtbüchern sowie den innergemeinschaftlichen Handel mit reinrassigen Zuchttieren und ihrem Zuchtmaterial. In Deutschland wird dieser Rahmen durch das Tierzuchtgesetz konkretisiert, das insbesondere die Zuständigkeiten für Anerkennung, Programmgenehmigung und Datenweitergabe festlegt.

Diese Regulierung erfüllt eine wichtige Funktion: Sie sichert Qualität, Transparenz und Verlässlichkeit. Ohne anerkannte Verfahren würden Abstammungsnachweise, Zuchtbescheinigungen und Herdbücher schnell an Glaubwürdigkeit verlieren. Insofern ist der rechtliche Rahmen kein Hindernis, sondern ein Fundament.

Zugleich entsteht aus jeder Anerkennungslogik eine faktische Schwelle. Wer ein anerkanntes Zuchtprogramm betreiben will, benötigt Organisation, Datenzugang, Fachpersonal, eine ausreichende Population und behördliche Genehmigung. Rechtlich ist der Marktzugang offen – praktisch ist er anspruchsvoll. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob Tierzuchtrecht vor allem Qualität sichert oder ob es zusätzlich bestehende Strukturen vor Wettbewerb schützt. Die entscheidende Erkenntnis: Der Hebel für eine Modernisierung liegt nicht im Bruch mit dem Recht, sondern in seiner Ausgestaltung. Das Tierzuchtgesetz sieht bereits heute Zuständigkeiten vor, die diskriminierungsfreien Zugang und Datenweitergabe ermöglichen würden.

 

Die rechtliche Kernfrage lautet daher nicht: Brauchen wir Regeln? Sie lautet: Sind die Regeln so ausgestaltet, dass neue Akteure, neue Programme und internationale Kooperationen tatsächlich möglich bleiben?

Kernsatz: Gutes Tierzuchtrecht sichert Qualität, ohne den Status quo zu zementieren. Die Modernisierung beginnt nicht mit neuen Gesetzen, sondern mit der konsequenten Nutzung der Offenheit, die das bestehende Recht bereits zulässt.

 

4.  Das Zielbild: eine offene Zucht- und Dateninfrastruktur

Aus diesen Verschiebungen ergibt sich ein Zielbild, das bewusst grundsätzlich gedacht ist. Es geht nicht darum, einen weiteren Verband zu gründen, sondern eine gemeinsame Infrastruktur zu schaffen – eine Art geteiltes Fundament, auf dem unterschiedliche Akteure arbeiten können. Vier Ebenen lassen sich unterscheiden.

 

Ebene

Funktion

Ebene 1 — Offene Dateninfrastruktur

Standardisierte, qualitätsgesicherte, datenschutzkonforme Zusammenführung aller zuchtrelevanten Daten – von Abstammung und Genomik über Gesundheit und Fruchtbarkeit bis zu Futtereffizienz, Methan und ökonomischer Lebensleistung.

Ebene 2 — Unabhängige Bewertung

Funktionale Trennung von Datenhaltung, Zuchtwertschätzung, Zuchtprogramm, Vermarktung und Besamung, um Interessenkonflikte zu minimieren und Vertrauen in die Bewertung zu sichern.

Ebene 3 — Wettbewerb der Programme

Auf gemeinsamer, geprüfter Datenbasis konkurrieren mehrere transparente Zuchtprogramme (Effizienz, Fitness, Weide, Klima, Tierwohl, Exterieur, Öko) statt eines Einheitszuchtziels.

Ebene 4 — Züchter als Dateneigentümer

Der Betrieb behält die Verfügungsgewalt über seine Daten, sieht deren Nutzung transparent ein und partizipiert am Wert, der aus ihnen entsteht.

 

Der entscheidende konzeptionelle Schritt liegt in der funktionalen Trennung. Heute vereint eine Organisation häufig mehrere Rollen in sich: Sie hält Daten, schätzt Zuchtwerte, betreibt ein Zuchtprogramm, vermarktet Genetik und berät zugleich die Betriebe. Jede dieser Rollen ist für sich legitim. In ihrer Bündelung entstehen jedoch potenzielle Interessenkonflikte – etwa wenn dieselbe Organisation bestimmt, welche Genetik als wertvoll gilt, und diese Genetik gleichzeitig verkauft.

Eine Infrastruktur-Plattform würde diese Funktionen nicht abschaffen, sondern entkoppeln. Datenhaltung, Bewertung, Programm, Vermarktung und Beratung blieben bestehen – aber als unterscheidbare, transparent geregelte Funktionen, nicht als verschmolzenes Ganzes. Das wäre ein kultureller Bruch mit der gewachsenen Logik. Es wäre aber auch die Voraussetzung dafür, Vertrauen in einer datengetriebenen Zuchtwelt langfristig zu sichern.

 

Kernsatz: Nicht die Funktionen des heutigen Systems sind das Problem, sondern ihre Bündelung in einer Hand. Entflechtung schafft Vertrauen – und Vertrauen ist in der Datenökonomie die härteste Währung.

 

5.  Zwei Szenarien im Vergleich

Wie sich die deutsche Rinderzucht bis 2040 entwickelt, ist keine Naturgesetzlichkeit, sondern eine Reihe von Entscheidungen. Zur Strukturierung der Debatte lassen sich zwei idealtypische Szenarien gegenüberstellen. Die Realität wird vermutlich eine Mischform sein – aber die Pole machen die Richtungsentscheidung sichtbar.

Szenario A schreibt die heutige Logik fort: Die Organisation bleibt der Mittelpunkt, Strukturen entwickeln sich inkrementell weiter, Bewährtes wird bewahrt. Szenario B verschiebt den Mittelpunkt von der Organisation zur Infrastruktur: Die Plattform trägt die gemeinsamen Funktionen, auf ihr konkurrieren mehrere Programme, der Züchter wird zum Eigentümer seiner Daten.

 

Dimension

Szenario A: Fortschreibung

Szenario B: Infrastruktur-Plattform

Leitprinzip

Organisation im Mittelpunkt

Dateninfrastruktur im Mittelpunkt

Datenhaltung

Verteilt in Organisationssilos

Standardisierter, geteilter Datenraum

Zuchtwertschätzung

Etabliert, organisationsnah

Funktional unabhängig organisiert

Zuchtprogramme

Pro Organisation eines

Mehrere auf gemeinsamer Datenbasis

Rolle des Züchters

Mitglied und Datenlieferant

Dateneigentümer und Strategiekunde

Marktzugang neuer Akteure

Hohe faktische Hürden

Diskriminierungsfreier Zugang

Innovationstempo

Stabil, eher inkrementell

Höher, wettbewerbsgetrieben

Hauptrisiko

Innovationsrückstand, Abwanderung

Komplexität, Governance-Aufwand

Hauptchance

Verlässlichkeit, Kontinuität

Anschlussfähigkeit, Resilienz

 

Der Vergleich macht deutlich, dass keines der Szenarien risikofrei ist. Die Fortschreibung (A) bietet Verlässlichkeit und Kontinuität – aber sie trägt das Risiko, dass Innovation zunehmend von außen kommt und vor allem jüngere, datenaffine Betriebe sich abwenden. Die Plattform (B) bietet Anschlussfähigkeit und Resilienz – aber sie erfordert erheblichen Governance-Aufwand und birgt das Risiko, dass Komplexität die Umsetzung erschwert oder dass die gewachsene Datenqualität in der Übergangsphase leidet.

Eine seriöse Abwägung kommt nicht zu dem Schluss, dass A schlecht und B gut sei. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Richtungsentscheidung bewusst getroffen werden muss – und nicht durch Nichtentscheidung zugunsten des Status quo fallen sollte.

 

Kernsatz: Die gefährlichste Variante ist keines der beiden Szenarien, sondern das Hineinrutschen in Szenario A durch unterlassene Entscheidung – während andere die Plattformlogik längst bauen.

 

6.  Die Rolle der Zuchtverbände im Plattformmodell

Ein häufiges Missverständnis in dieser Debatte lautet, eine Infrastruktur-Plattform mache die bestehenden Verbände überflüssig. Das Gegenteil ist der Fall. In einem entflochtenen System werden spezialisierte, leistungsfähige Organisationen wichtiger – nur eben in klarer umrissenen Rollen. Drei Rollen sind denkbar, die sich auch kombinieren lassen.

 

🏛 Drei tragfähige Rollen für Verbände 2040

Rolle A — Regionale Züchtergemeinschaft

• Interessenvertretung, Jungzüchterarbeit, Schauen, Exkursionen, Züchterkultur und regionale Identität. Diese Funktion ist nicht ersetzbar – sie trägt das soziale Fundament der Zucht.

 

Rolle B — Beratungs- und Servicehaus

• Unterstützung bei Anpaarung, Dateninterpretation, Embryostrategie, Tierauswahl und Vermarktung. In einer datenreichen Welt wächst der Bedarf an qualifizierter Übersetzung von Daten in Entscheidungen.

 

Rolle C — Spezialisierter Programmanbieter

• Betrieb eines klar profilierten Zuchtprogramms mit unterscheidbarer genetischer Richtung – nicht 'wir machen alles', sondern 'wir stehen für diese Strategie'.

 

Was im Plattformmodell hingegen zur Disposition steht, ist die Kombination aus regionaler Allzuständigkeit, historischem Anspruch auf Mitglieder und faktischer Kontrolle über Daten und Markt. Nicht weil diese Konstruktion unanständig wäre – sondern weil sie unter den neuen Bedingungen Innovation eher bremst als trägt. Verbände, die sich frühzeitig in Richtung klar profilierter Rollen entwickeln, werden im neuen System stärker dastehen, nicht schwächer.

Kernsatz: Das Plattformmodell schwächt nicht die Verbände – es zwingt sie, sich auf das zu konzentrieren, worin sie unersetzlich sind.

 

7.  Die inhaltliche Leitfrage: Wofür züchten wir 2040?

Die Strukturfrage ist untrennbar mit einer inhaltlichen Frage verbunden. Denn eine Plattform, die nur effizienter dasselbe täte, wäre die Mühe nicht wert. Die eigentliche Chance liegt darin, dass eine offene Dateninfrastruktur neue Zuchtziele überhaupt erst belastbar abbildbar macht.

Milchleistung, Inhaltsstoffe, Exterieur und Fruchtbarkeit bleiben wichtig. Aber sie reichen nicht mehr aus, um die Anforderungen zu beschreiben, denen sich die Milchproduktion stellen muss. Die Gesellschaft verlangt weniger Emissionen, mehr Tierwohl, weniger Antibiotikaeinsatz, höhere Ressourceneffizienz und transparente Lebensmittelproduktion. Diese Anforderungen lassen sich nur dann züchterisch adressieren, wenn die entsprechenden Daten erhoben, standardisiert und in Zuchtwerte überführt werden.

International gibt es dafür bereits Wegmarken. Die ICAR hat Leitlinien für die Erfassung von Nachhaltigkeitsmerkmalen wie Futteraufnahme, Futtereffizienz und Methan entwickelt. In Nordamerika wurden Gesundheitsmerkmale und mit 'Feed Saved' ein Merkmal für Futtereffizienz bereits in offizielle genetische Bewertungen integriert; die CDCB verwaltet dort die nationale Datenbasis. Deutschland müsste diese Ansätze nicht kopieren – aber es sollte sie mutiger adaptieren, als es bislang geschieht. Eine offene Dateninfrastruktur wäre genau das Instrument, das eine solche Adaption beschleunigt.

 

🐄 Merkmalsdimensionen der Kuh 2040

Bewährte Dimensionen (bleiben zentral):

• Milchleistung und Inhaltsstoffe, Fruchtbarkeit, Exterieur, Nutzungsdauer

 

Wachsende Dimensionen (gewinnen an Gewicht):

• Gesundheit und Robustheit, Klauen- und Eutergesundheit

• Futtereffizienz und Ressourcennutzung

• Methanemission je Kilogramm verwertbarem Lebensmittel

• Eignung für unterschiedliche Haltungssysteme (Roboter, Weide, Low-Input)

• Arbeitswirtschaftliche Eignung und ethisch vertretbare Zuchtwege

 

Kernsatz: Die Kuh 2040 wird nicht an einem einzigen Index gemessen, sondern an ihrer Passung zu einer Gesellschaft, die Effizienz, Gesundheit und Verantwortung gleichzeitig verlangt.

 

8.  Governance: Die Bedingungen der Glaubwürdigkeit

Eine gemeinsame Dateninfrastruktur ist nur dann tragfähig, wenn ihre Governance von Beginn an stimmt. Sie darf weder ein privates Monopol noch ein behördlicher Apparat sein. Das tragfähigste Modell ist eine genossenschaftlich kontrollierte, rechtlich abgesicherte Trägerschaft, die unterschiedliche Akteure einbindet: Züchter, bestehende Verbände, Besamungsorganisationen, Landwirtschaftskammern, das vit, die LKV-Strukturen, die Wissenschaft, ausgewählte Technologiepartner und unabhängige Kontrollgremien.

Entscheidend ist nicht die Trägerschaft allein, sondern die Verbindlichkeit klarer Prinzipien. Sieben Grundsätze bilden den Kern.

 

🧭 Sieben Governance-Prinzipien

1. Daten gehören grundsätzlich den Betrieben, die sie erzeugen.

2. Nutzung erfolgt ausschließlich mit transparenter, widerrufbarer Zustimmung.

3. Die Zuchtwertschätzung wird funktional unabhängig organisiert und kontrolliert.

4. Algorithmen und Bewertungsmethoden müssen nachvollziehbar dokumentiert sein.

5. Neue Anbieter erhalten diskriminierungsfreien Zugang zur Infrastruktur.

6. Genetische Vielfalt wird systematisch überwacht und aktiv gesichert.

7. Tierwohl- und Nachhaltigkeitsmerkmale sind Kern des Systems, nicht Dekoration.

 

Diese Prinzipien sind kein Selbstzweck. Sie sind die Bedingung dafür, dass Züchter einer gemeinsamen Infrastruktur ihre wertvollsten Daten anvertrauen. Ohne glaubwürdige Governance bleibt jede Plattform Theorie – mit ihr wird sie zum Vertrauensanker einer ganzen Branche.

Kernsatz: Die Technik einer Zuchtplattform ist das kleinere Problem. Die eigentliche Herausforderung ist eine Governance, der die Züchter ihre Daten freiwillig anvertrauen.

 

9.  Kontinuität und Bruch: eine ehrliche Bilanz

Radikale Weiterentwicklung heißt nicht, alles Bestehende zu verwerfen. Sie heißt, bewusst zu unterscheiden, was bewahrt und was überwunden werden muss. Eine ehrliche Bilanz benennt beides.

 

✓ Was bleiben muss

• Herdbuchqualität und Abstammungssicherheit

• Neutrale Leistungsprüfung und unabhängige Zuchtwertschätzung

• Genossenschaftliche Mitbestimmung und Populationsverantwortung

• Züchterkultur, Jungzüchterarbeit, Schauen, regionale Identität

 

Was überwunden werden sollte

• Regionale Besitzstandslogik, die globale Genetik in lokale Grenzen zwingt

• Die Vermischung von neutraler Bewertung und Verkaufsinteresse in einer Hand

• Datensilos, aus denen nur einzelne Organisationen Nutzen ziehen

• Das Einheitszuchtziel – die eine Kuh für alle Betriebe gibt es nicht mehr

• Entscheidungsstrukturen, in denen Zukunftsfragen in Gremien versanden

 

Die Zukunft ist nicht 'alles privat' gegen 'alles Verband'. Diese Gegenüberstellung führt in die Irre. Die tragfähige Zukunft verbindet vier Elemente: eine offene Infrastruktur, fairen Wettbewerb der Programme, starke Züchterrechte und eine klare, gemeinschaftlich getragene Verantwortung für Population und Tier.

Kernsatz: Die Reform gelingt nicht durch Abriss und nicht durch Bewahrung um jeden Preis, sondern durch die kluge Unterscheidung zwischen dem, was trägt, und dem, was bremst.

 

10.  Der politische Kern – und die eigentliche Frage

Am Ende ist die Strukturfrage der Rinderzucht eine politische Frage. Sie lautet zugespitzt: Will Deutschland 2040 eine geschützte Verbandszucht verwalten – oder eine offene genetische Innovationsinfrastruktur gestalten? Das Tierzuchtrecht muss Qualität sichern. Aber es darf nicht dazu führen, dass gewachsene Strukturen automatisch ein Zukunftsrecht erhalten, nur weil sie historisch erfolgreich waren.

Diese Frage entscheidet sich nicht in einem einzigen Beschluss, sondern in vielen kleineren Weichenstellungen: in der Ausgestaltung von Anerkennungsverfahren, in der Frage des Datenzugangs, in der Bereitschaft etablierter Organisationen, Funktionen zu entflechten, und in der Frage, ob die Branche die Plattformlogik selbst gestaltet oder sie von außen gestaltet bekommt.

Vom Zuchtverband zur Zuchtplattform. Vom Mitglied zum Dateneigentümer. Vom Einheitszuchtziel zur genetischen Strategievielfalt. Vom Schutzwall zur offenen Qualitätsinfrastruktur.

Wenn wir 2040 zurückblicken, wird die entscheidende Frage nicht lauten, welche Organisation überlebt hat. Sie wird lauten, ob die deutsche Rinderzucht rechtzeitig verstanden hat, dass ihre Zukunft nicht im Schutz alter Strukturen liegt, sondern in der intelligenten Neuordnung von Daten, Genetik, Verantwortung und Wettbewerb – auf dem Fundament genau jener Datenqualität, die das alte System so verdienstvoll geschaffen hat.

Haben wir rechtzeitig begriffen, dass die Stärke des bestehenden Systems – seine Daten – nur dann zur Zukunft wird, wenn wir sie öffnen, statt sie zu verwalten?

 

 

Quellen und rechtliche Grundlagen (Auswahl)

Verordnung (EU) 2016/1012 des Europäischen Parlaments und des Rates über die Tierzucht- und Abstammungsbestimmungen (Tierzuchtverordnung). Amtsblatt der EU L 171.

Tierzuchtgesetz (TierZG): Gesetz über die Zucht von Tieren. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Verordnung (EU) 2023/2854 (Data Act): Harmonisierte Vorschriften für fairen Datenzugang und faire Datennutzung.

ICAR (2022): Guidelines for the recording of feed intake, feed efficiency and methane traits. International Committee for Animal Recording, Rome.

CDCB – Council on Dairy Cattle Breeding (2023): Feed Saved and health trait evaluations – methodology. Bowie, MD.

vit Verden (2024): Zuchtwertschätzung Rind – Erläuterungen und Methoden. Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung.

Cole, J. B. & VanRaden, P. M. (2018): Symposium review: Possibilities in an age of genomics. Journal of Dairy Science.

OECD/FAO (2023): Agricultural Outlook 2023–2032 – Dairy Sector.

Erfahrungswerte aus der Beratungspraxis und den DairyTalk-Analysen des Autors.

Helmut Demmelhuber | Unternehmensberater und Holsteinzüchter

 
 
 

Kommentare


bottom of page