Warum Embryonen bald wichtiger werden als Sperma
- Helmut Demmelhuber

- 25. Mai
- 11 Min. Lesezeit
Die stille Revolution der weiblichen Selektion in der modernen Holsteinzucht – und warum sich die strategische Knappheit der Branche gerade neu sortiert
Helmut Demmelhuber | Unternehmensberater und Holsteinzüchter
Noch vor wenigen Jahren galt in der internationalen Holsteinzucht eine einfache Grundregel: Die eigentliche genetische Macht liegt beim Bullen. Besamungsstationen bestimmten den Markt, große Vererber dominierten ganze Generationen, der genetische Fortschritt lief fast ausschließlich über die männliche Seite der Population. Genau diese Logik beginnt sich gerade fundamental zu verändern. Genomik, OPU-IVF und moderner Embryotransfer verschieben die genetische Hebelwirkung zunehmend auf die weibliche Seite. Die provokante These lautet deshalb: Die eigentliche limitierende Ressource der modernen Holsteinzucht könnte künftig nicht mehr Sperma sein – sondern Embryonen. Dieser Beitrag ordnet die Entwicklung ein, beschreibt Reproduktionsmethodik, ökonomische Verschiebungen und die wachsenden Risiken durch Konzentration – und zeigt, welche Strategien für den Einzelbetrieb daraus folgen.

Jahrzehntelang war Sperma der genetische Schlüssel
Die historische Dominanz der Bullen war biologisch und ökonomisch schlüssig. Ein Spitzenvererber konnte weltweit eingesetzt werden, Zehntausende Töchter erzeugen und ganze Populationen prägen. Die Kuh blieb dagegen biologisch begrenzt: lange Generationsintervalle, wenige Nachkommen, geringe Skalierbarkeit. Mit der Einführung der künstlichen Besamung in den 1940er- und 1950er-Jahren entstand eines der effizientesten genetischen Verbreitungssysteme der modernen Tierzucht. Henderson legte mit dem BLUP-Verfahren ab den 1970er-Jahren die statistische Grundlage, die diese Verbreitung präzise machte.
Die gesamte Architektur der Holsteinzucht entwickelte sich über Jahrzehnte rund um diese Struktur: Besamungsorganisationen, Bullenselektion, Töchterprüfung, Samendosenvermarktung, internationale Vererberprogramme. Die weibliche Seite blieb wichtig – aber strategisch eher als Reservoir potenzieller Bullenmütter. Im Mittel sah die Selektionsintensität deshalb klar asymmetrisch aus: scharf auf der männlichen Seite, weich auf der weiblichen. Diese Asymmetrie ist nicht zufällig entstanden. Sie war die rationale Antwort auf eine biologische Realität, in der Skalierung nur über das Sperma möglich war.
Die männliche Dominanz der Holsteinzucht war kein Stilelement. Sie war die rationale Antwort auf biologische Grenzen, die heute neu vermessen werden.
Kernsatz: Sperma war jahrzehntelang das einzige skalierbare genetische Material – die Selektionsschärfe folgte dieser Skalierbarkeit.
Genomik verändert die Spielregeln auf der weiblichen Seite
Die eigentliche Revolution begann mit der genomischen Selektion. Meuwissen, Hayes und Goddard (2001) haben mit ihrer viel-zitierten Arbeit in Genetics die methodische Grundlage gelegt; VanRaden (2008) hat die praktische Umsetzung in der Milchviehzucht entscheidend beschleunigt. Hayes et al. (2009) haben in ihrer Übersichtsarbeit für das Journal of Dairy Science die methodische Reife dokumentiert. Schaeffer (2006) hatte schon Jahre vorher die strategischen Konsequenzen vorausgesehen: Wenn die Sicherheit junger Tiere ohne Töchterprüfung deutlich steigt, verkürzt sich das Generationsintervall – und die Selektionsantwort pro Jahr steigt erheblich.
Für die weibliche Seite hat diese Entwicklung eine besondere Tragweite. Vor der genomischen Ära musste man mehrere Laktationen abwarten, um eine Kuh züchterisch valide einzuschätzen: Milchleistung, Exterieur, Fruchtbarkeit, Nutzungsdauer, Gesundheitsmerkmale. Heute liefern genomische Zuchtwerte bereits im Kälberalter erstaunlich präzise Hinweise auf das genetische Potenzial. García-Ruiz et al. (2016) haben in ihrer Arbeit für PNAS gezeigt, dass das Generationsintervall in der US-Holsteinpopulation auf der weiblichen Seite ähnlich deutlich gefallen ist wie auf der männlichen. Damit wird zum ersten Mal in der Geschichte der Holsteinzucht die Färse selbst zum strategischen Zentrum – nicht mehr nur als Mutter eines möglichen KB-Bullen, sondern als eigenständiges Element der Zuchtpyramide.
Vor der Genomik war die Färse ein Versprechen. Heute ist sie eine messbare Position in der Zuchtpyramide.
Kernsatz: Genomik hat die Selektionsschärfe auf der weiblichen Seite zum ersten Mal in der Geschichte der Holsteinzucht der männlichen angenähert.
OPU-IVF und die neue Reproduktionsbiologie
Noch stärker wird der Effekt durch moderne Reproduktionstechnologien. Die Kombination aus Genomik, gesextem Sperma, Ovum-Pick-up (OPU), In-vitro-Fertilisation (IVF) und Embryotransfer verändert die Dynamik der Hochleistungszucht grundsätzlich. Mapletoft und Bó (2016) beschreiben in ihrer CABI-Übersicht zu bovinem Embryotransfer den methodischen Stand: Mit modernen OPU-IVF-Protokollen lassen sich aus einem einzelnen Tier 20 bis 30 transferfähige Embryonen pro Jahr und mehr realisieren – bei Jungtieren, bei tragenden Tieren, in hoher Frequenz. Hansen (2020) ergänzt in seinem Annual-Review-Beitrag die biologischen und methodischen Erfolgsfaktoren der modernen assistierten Reproduktion.
Damit fällt eine zentrale historische Beschränkung: Eine biologisch außergewöhnliche Kuh ist nicht länger auf eine Laktation und ein Kalb pro Jahr begrenzt. Sie kann – wenn sie denn methodisch geeignet ist – bereits als Jungtier gespült werden, zahlreiche Embryonen produzieren, international vermarktet werden und Hunderte genetische Nachkommen erzeugen, noch bevor sie ihre erste Milch gegeben hat. Diese Skalierbarkeit ist eine qualitative Veränderung, keine quantitative. Sie verschiebt die genetische Hebelwirkung in einer Weise, die in der ganzen Geschichte der Holsteinzucht ohne Parallele ist.
Die Spitzenkuh ist nicht mehr biologisch limitiert. Sie ist reproduktionstechnisch skalierbar geworden.
Kernsatz: Was OPU-IVF leistet, ist nicht „mehr Embryonen“ – es ist die Aufhebung der natürlichen Begrenzung weiblicher Skalierbarkeit.
Was eine Spitzenkuh heute wirklich vermehren kann
Die ökonomische Konsequenz dieser Verschiebung ist erheblich. Wenn eine Donorkuh in zwölf Monaten 25 transferfähige Embryonen liefert, wenn diese Embryonen mit gesextem Sperma weiblich ausgeprägt sind, wenn die Trächtigkeitsrate nach Transfer im realistischen Bereich von 40 bis 55 Prozent liegt, dann produziert eine einzige Donorkuh in einem Jahr potenziell zehn bis fünfzehn weibliche Nachkommen aus genau ihrer eigenen Genetik – multipliziert durch unterschiedliche Bullenwahlen. Cole und VanRaden (2011) haben in ihrer Arbeit für das Journal of Animal Breeding and Genetics zur Mendel-Stichprobe und zu Selektionsgrenzen gezeigt, wie viel genetisches Material auf der weiblichen Seite tatsächlich nutzbar ist, wenn der reproduktive Engpass entfällt.
Das hat weitreichende Konsequenzen für die Architektur der Zuchtpyramide. Pryce und Daetwyler (2012) beschreiben in ihrem Beitrag „Designing dairy cattle breeding schemes under genomic selection“ die neuen Optimierungslogiken. Ein Zuchtprogramm, das die weibliche Seite ähnlich scharf selektiert wie die männliche, erhöht den Selektionsdifferential auf beiden Seiten der Pyramide – und beschleunigt damit den Zuchtfortschritt deutlich über das hinaus, was mit reiner KB-Bullenselektion erreichbar war. Die theoretische Folge: höhere Selektionsantwort, schnellere Generationenfolge, größerer Mehrwert pro Anpaarung. Die praktische Folge: Die strategische Bedeutung der weiblichen Genetik steigt strukturell.
Eine moderne Donorkuh produziert in einem Jahr, was eine klassische Kuh in einer ganzen Lebenszeit nicht geschafft hätte.
Kernsatz: Wenn beide Seiten der Zuchtpyramide scharf selektiert werden können, verändert sich nicht der Fortschritt – sondern seine Geschwindigkeit.
Vom Bullenkatalog zum Embryomarkt: die Verschiebung der Wertschöpfung
Diese biologische Verschiebung hat eine ökonomische Spiegelseite. Hochwertiges Sperma ist heute global verfügbar. Spitzenvererber verbreiten sich innerhalb weniger Wochen international, internationale Vergleichsindizes (RZG, TPI, NM$, NTM) ordnen den Markt nahezu in Echtzeit. Genau das macht Sperma wettbewerbsökonomisch zu einem zunehmend ausgeglichenen Gut. Die Margen am Spermamarkt sind dadurch teilweise unter Druck geraten – ein Trend, den die internationalen Konsolidierungsbewegungen in der Branche zusätzlich verstärken.
Wirklich knapp werden dagegen außergewöhnliche Kuhfamilien, seltene Blutlinien, stabile maternale Linien und leistungsfähige Donorkühe. Genau dort verschiebt sich derzeit die Wertschöpfung. Internationale Genetikkonzerne – Genus PLC, die URUS Group mit Marken wie Alta Genetics und Trans Ova Genetics, CRV, Semex – investieren erheblich in Embryoprogramme, Donorprogramme und weibliche Eliteherden. Die strategische Frage in vielen Vorstandssitzungen lautet nicht mehr primär „Welche Bullen bringen wir auf den Markt?“ – sondern „Welche weibliche Genetik kontrollieren wir?“. Diese Verschiebung ist keine Modeerscheinung. Sie ist die ökonomische Konsequenz aus einer geänderten reproduktionsbiologischen Realität.
Sperma wird Commodity. Embryonen werden Knappheit.
Kernsatz: Wertschöpfung folgt Knappheit – und die Knappheit der modernen Holsteinzucht verschiebt sich gerade vom Bullen zur Donorkuh.
Nicht jede genomisch hohe Färse ist eine gute Donorin
An dieser Stelle braucht es einen wichtigen Kontrapunkt. Die biologische Skalierbarkeit hat klare Grenzen. Nicht jede genomisch hohe Färse funktioniert langfristig als Donorin. Die OPU-IVF-Reaktion ist individuell sehr unterschiedlich. Hormonelle Sensitivität, metabolische Stabilität, Zyklusregelmäßigkeit, Stressresistenz, anatomische Faktoren – all das sind Eigenschaften, die in keinem klassischen Zuchtwertindex erscheinen, aber über den realen Output einer Donorkuh entscheiden.
In der Praxis bedeutet das: Ein Teil der „theoretisch perfekten“ Donortiere liefert in der Realität enttäuschende Ergebnisse. Mapletoft und Bó (2016) und Hansen (2020) beschreiben diese Variabilität ausführlich. Aus Beratungssicht ist das eine wichtige Korrektur: Die strategische Knappheit liegt nicht einfach bei „hohen genomischen Werten auf der weiblichen Seite“. Sie liegt bei der Schnittmenge aus hohem genetischen Profil, funktionierender Reproduktionsbiologie, stabiler Familienhistorie und ökonomischer Vermarktbarkeit. Diese Schnittmenge ist deutlich kleiner, als die reine Indexbetrachtung vermuten lässt – und genau das macht sie ökonomisch so wertvoll.
Eine Spitzenkuh auf dem Papier ist noch keine Spitzen-Donorin im Stall.
Kernsatz: Die strategische Knappheit der Zukunft liegt nicht bei „hohen Werten“ – sondern bei der Schnittmenge aus Genetik, Biologie und Familie.
Die neue Inzuchtgefahr: Konzentration auf wenige Donorlinien
Mit der wachsenden Bedeutung weiblicher Spitzengenetik entsteht ein neues Risiko, das in der Branchendiskussion noch nicht ausreichend aufgearbeitet ist. Wenn international wenige Donorkühe und wenige Familien dominieren – verstärkt durch die globale Vermarktung ihrer Embryonen –, beschleunigt sich der Inzuchtzuwachs erheblich. Doekes et al. (2018) haben für die Holstein-Friesian-Population in den Niederlanden und Flandern einen beschleunigten genomischen Inzuchtzuwachs in der genomischen Ära dokumentiert. Mäki-Tanila und Toro (2014) plädieren für eine bewusste Steuerung der genetischen Vielfalt in Nutztierpopulationen statt eines passiven Drifts.
Weigel (2001) hatte bereits früh in seinem Beitrag zur Inzuchtkontrolle in modernen Zuchtprogrammen darauf hingewiesen, dass Selektionsschärfe ohne aktives Vielfaltsmanagement zwangsläufig zu Populationsverengung führt. Meuwissen (1997) hat mit der Optimum Contribution Selection (OCS) den mathematischen Rahmen geliefert, um Selektionsfortschritt unter expliziter Inzuchtgrenze zu maximieren. Übersetzt auf den Embryonenmarkt der nächsten Jahre bedeutet das: Wer die Vorteile der weiblichen Selektionsbeschleunigung nutzen will, muss gleichzeitig in Inzucht- und Diversitätsmanagement investieren. Wer das unterlässt, riskiert genau jenen Substanzverlust, der langfristig die Reaktionsfähigkeit auf neue Zuchtziele – Methaneffizienz, Hitzetoleranz, Robustheit – einschränkt.
Skalierbare weibliche Genetik ohne Inzuchtmanagement ist beschleunigter Substanzverlust.
Kernsatz: Je schärfer beide Seiten der Pyramide selektieren, desto wichtiger wird das aktive Management der genetischen Vielfalt – methodisch und praktisch.
Die Rolle des Bullen verändert sich – sie verschwindet nicht
Aus all dem folgt nicht, dass Sperma unwichtig wird. Der Bulle bleibt Selektionswerkzeug, genetischer Verstärker und Kombinationspartner. Aber seine strategische Rolle verschiebt sich. Wo früher der Bulle das eigentliche Machtzentrum der Zuchtpyramide war, wird er zunehmend zum Mittel der Komplementärselektion einer maternal getriebenen Strategie. Donorkühe definieren die Linie, Bullen verstärken oder korrigieren – nicht umgekehrt.
Diese Verschiebung hat auch Folgen für die Besamungswirtschaft. Wenn Spermamargen unter Druck stehen und Embryonen zur Knappheit werden, verschiebt sich das Geschäftsmodell vieler Organisationen. Die führenden internationalen Genetikkonzerne haben diese Verschiebung längst eingeleitet: Eliteherden als Nucleus, IVF-Programme als Skalierungswerkzeug, Embryovermarktung als zusätzliche Wertschöpfung. Die klassische Logik – Bullen produzieren, Sperma verkaufen – bleibt bestehen, aber sie ist nicht mehr das einzige Geschäftsfeld. Wer heute Genetik produziert, produziert zunehmend Embryonen – nicht trotz, sondern wegen der globalisierten Spermamärkte.
Der Bulle bleibt – aber er ist nicht mehr das Machtzentrum. Er ist der Komplementärpartner einer maternal getriebenen Strategie.
Kernsatz: Sperma bleibt wichtig. Aber die strategische Macht der Zuchtpyramide wandert von oben in die Mitte.
Was das für den Einzelbetrieb bedeutet
Für den ambitionierten Holstein-Betrieb ergeben sich aus dieser Verschiebung konkrete strategische Konsequenzen. Erstens: Die weibliche Seite verdient eine Selektionsschärfe, die in vielen Betrieben noch nicht etabliert ist. Das beginnt mit der konsequenten genomischen Typisierung aller weiblichen Kälber, geht über die strukturierte Differenzierung in Eliteherde, Reinzuchtherde, Mittelfeld und Beef-on-Dairy und endet in einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Linienprofil.
Zweitens: Wer mit OPU-IVF arbeitet oder damit arbeiten möchte, muss die methodische Realität kennen. Nicht jede Färse funktioniert. Die Auswahl der Donortiere folgt nicht nur dem Index, sondern auch der reproduktionsbiologischen Eignung und der Familienhistorie. Drittens: Vermarktung wird wichtig. Embryonen aus belastbaren Kuhfamilien sind international handelbar und können in Spitzenbetrieben einen Wertschöpfungsbeitrag leisten, der mit klassischer Milchproduktion nicht erreichbar wäre. Viertens: Inzuchtkontrolle wird zur Pflicht – nicht zur Empfehlung. Wer die Vorteile weiblicher Selektionsbeschleunigung nutzen will, muss konsequent gegen die Verengung der eigenen Population anarbeiten. Das ist nicht ein Detail des Zuchtprogramms. Es ist seine Geschäftsgrundlage.
Wer die weibliche Seite ernst nimmt, gewinnt Geschwindigkeit. Wer dabei die Vielfalt vergisst, gewinnt sie nur einmal.
Kernsatz: Die strategische Knappheit der nächsten zehn Jahre liegt nicht beim Bullen – sie liegt in der eigenen Donorqualität und ihrer Pflege.
Vier Werkzeuge für die maternal getriebene Zukunft
🧬 Werkzeug 1 — Genomische Typisierung aller weiblichen Kälber
Der größte einzelne Hebel der weiblichen Selektion
Sinnvoll umgesetzt:
• alle weiblichen Kälber genomisch testen
• Top-Genotypen gezielt für ET, OPU, gesextes Sperma einsetzen
• untere Hälfte konsequent mit Fleischrasse anpaaren
• Linieneffekte zusätzlich am lebenden Tier prüfen
Faustregel:
• Wer keine vollständige Typisierung hat, hat keine vollständige Information.
Praxisnutzen
deutliche Erhöhung des genetischen Trends – ohne Erhöhung der Tierzahl.
🐄 Werkzeug 2 — Donor-Eignungs-Check vor jeder OPU-IVF-Investition
Hohe Indexwerte sind nicht gleich hohe Donorqualität
Vor der ersten Spülung prüfen:
• reproduktionsbiologisches Profil (Zyklusstabilität, Stoffwechsellage)
• Familienhistorie der Mutter und Großmutter (Fruchtbarkeit, Persistenz)
• Defekt-Trägerstatus und rezessive Anlagen
• Eignung im konkreten Stallsystem (Stress, Klima)
• Vermarktbarkeit der Linie (Pedigree-Wert, internationale Anschlussfähigkeit)
Praxisnutzen
deutlich höhere Ausbeute pro investiertem Euro – und weniger Enttäuschungen.
🧭 Werkzeug 3 — Die Eliteherde innerhalb der Herde
Die 5–10-Prozent-Strategie für maternal getriebene Zucht
Aufbau:
• 5–10 % der weiblichen Tiere als bewusst definierte Eliteherde
• schriftlich dokumentiert, jährlich aktualisiert
• eigene Anpaarungslogik mit Schwerpunkt Linienführung
• höhere Inzuchttoleranz möglich – kompensiert durch Outcross in der Folgegeneration
Zweck:
• ET, OPU, gezielte Eliteanpaarung
• Bullenmütter-Pool und Embryonenvermarktung
• experimentelle Linien- und Familienverbindungen
Praxisnutzen
die Hauptherde bleibt wirtschaftlich tragfähig – die Spitzentier-Chance steigt deutlich.
⚖️ Werkzeug 4 — Inzuchtmanagement als Pflichtbestandteil
Wer die weibliche Seite scharf selektiert, muss Diversität bewusst pflegen
Routinen, die zur Geschäftsgrundlage werden:
• Inzuchtkontrolle vor jeder Anpaarung (typischerweise 6–8 % Grenze)
• Prüfung auf Haplotypen und rezessive Erbfehler
• bewusste Nutzung von Outcross-Bullen in der Hauptherde
• Vermeidung enger Wiederholungsanpaarungen über mehrere Saisons
• regelmäßige Auswertung des Inzuchttrends der eigenen Herde
Praxisnutzen
Schutz vor stiller Inzuchtdrift – und Erhalt der Reaktionsfähigkeit auf neue Zuchtziele.
Fazit
Die moderne Holsteinzucht erlebt eine stille, aber tiefgreifende Verschiebung ihrer genetischen Knappheit. Sperma bleibt wichtig – aber es wird zunehmend zur Commodity, global verfügbar, ökonomisch unter Druck, in Margen begrenzt. Die strategische Knappheit verschiebt sich an die Stelle, an der biologische Skalierbarkeit lange begrenzt war: zur weiblichen Seite. Genomik, OPU-IVF und Embryotransfer haben diese Skalierbarkeit aufgehoben. Damit verändert sich nicht nur die Methode der Zucht. Es verändert sich, wo die nächste Wertschöpfung entsteht.
Für ambitionierte Holstein-Betriebe ist das eine echte Chance. Wer früh in genomische Typisierung, in differenzierte Herdengruppen, in qualifizierte Donortiere und in ein bewusstes Inzuchtmanagement investiert, kann an einer Entwicklung teilhaben, die in den kommenden Jahren die Wertschöpfungsketten der Branche neu sortieren wird. Wer das nicht tut, riskiert nicht den unmittelbaren Misserfolg – aber er riskiert, in einer Welt mit verschobenen Knappheiten an den falschen Stellen zu investieren. Die nächste strategische Frage der Holsteinzucht lautet deshalb nicht mehr „Welchen Bullen setze ich ein?“. Sie lautet zunehmend: „Welche Kuhfamilien will ich langfristig aufbauen – und wie skalierbar mache ich sie?“
Die wichtigste genetische Währung der Zukunft ist nicht die Samendose. Es ist der Embryo aus einer Kuhfamilie, die man kennt.
Quellen
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vit Verden (laufende Veröffentlichungen): KuhVision – genomisches Herdenmanagement; jährliche Zuchtwertstatistiken Holstein.
Erfahrungswerte aus der Beratungspraxis des Autors.
Zum Autor
Helmut Demmelhuber ist Unternehmensberater mit Sitz in Tübingen, Baden-Württemberg, und Experte für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Rinderzucht. Er wuchs auf einem bayerischen Milchviehbetrieb auf und ist seit 2025 wieder aktiv als Holstein-Züchter tätig. Er berät Züchter und Zuchtorganisationen bei der praxisnahen Integration von KI in der Rinderzucht.




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