Vier Käufer, vier Preislogiken

Wer auf Holstein-Eliteauktionen bietet, wofür bezahlt wird und wie sich das eigene Limit bilden lässt, bevor der Ring es tut
HELMUT DEMMELHUBER | UNTERNEHMENSBERATER UND HOLSTEINZÜCHTER
Im selben Saal sitzen vier Käufer, die dasselbe Tier vor sich haben und zu vier völlig verschiedenen Preisen bereit sind. Wer einen Zuschlag erklären will, muss deshalb nicht den Katalog lesen, sondern wissen, wer bietet. Dieser Beitrag beschreibt die vier Käufertypen, die den Holstein-Auktionsmarkt tragen, ordnet ihre Zahlungsbereitschaft in Verhältnissen statt in Eurobeträgen und legt einen Ablauf vor, mit dem sich das eigene Limit vor dem Auktionstag bilden lässt. Die Typologie stammt aus der Beratungspraxis. Die Größenordnungen sind an den veröffentlichten Ergebnissen deutscher Auktionen geprüft und als datierte Beispiele gekennzeichnet, nicht als Marktprognose.

Zwei Märkte, ein Ring
Es gibt nicht einen Auktionsmarkt für Holsteins, sondern zwei, die sich denselben Ring teilen. Der eine handelt Nutzungswert: Tiere, die Milch geben sollen, in einem Stall, dessen Rechnung am Milchpreis hängt. Der andere handelt Optionen: Tiere, aus denen etwas werden soll – eine Linie, ein Absatzweg, ein Merkmal, das knapp ist. Beide Märkte reagieren auf verschiedene Signale. Das ist der Grund, warum Auktionsdurchschnitte so schwer zu lesen sind und warum zwei Bieter denselben Katalog völlig unterschiedlich bewerten.
Der Nutzungsmarkt folgt dem Milchpreis, und zwar ohne nennenswerte Verzögerung. Fällt die Auszahlung, fällt die Zahlungsbereitschaft für die abgekalbte Färse, weil derselbe Liter die Anschaffung bezahlen muss. Das ist keine Stimmung, sondern Arithmetik, und es lässt sich an jedem Preiseinbruch nachvollziehen – zuletzt zwischen dem Sommer 2025 und dem Sommer 2026, als der deutsche Erzeugerpreis um rund ein Viertel nachgab und die abgekalbten Färsen auf den regulären Zuchtviehauktionen entsprechend defensiv bewertet wurden.1
Der Strategiemarkt folgt ihm nicht. Wer ein Tier kauft, um daraus Embryonen, Töchter oder eine Marktposition zu machen, rechnet nicht mit dem Milchpreis des laufenden Jahres, sondern mit der Verfügbarkeit vergleichbarer Genetik in den nächsten Jahren. Beides steht in derselben Auktion nebeneinander, und deshalb kann ein Gesamtdurchschnitt stabil aussehen, während sich darunter alles verschiebt. Im Januar 2026 lag der Gesamtdurchschnitt einer westfälischen Eliteauktion bei 7.195 Euro und damit fast exakt auf dem Vorjahreswert.2 Verändert hatte sich die Zusammensetzung: Das teuerste Kalb legte zu, die Mitte des genomischen Angebots gab um rund ein Fünftel nach, und die abgekalbten Färsen bewegten sich überhaupt nicht.3
Der praktische Schluss daraus: Ein Durchschnittspreis ist für die eigene Entscheidung wertlos, solange nicht klar ist, aus welchem der beiden Märkte er stammt. Und die Frage, was ein Tier wert ist, hat keine Antwort ohne die Frage, wer es kaufen soll.
Der Ring handelt zwei verschiedene Waren. Nur eine davon ist Milch.
Eine Rechengröße, die über die Jahre trägt
Eurobeträge veralten schnell, weil sie mit dem Milchpreis, dem Futterjahr und der Stimmung wandern. Was länger hält, ist das Verhältnis zwischen den Segmenten. Nimmt man die frisch abgekalbte Färse von der regulären Zuchtviehauktion als Einheit, lässt sich der übrige Markt daran messen – und diese Leiter bleibt auch dann lesbar, wenn sich alle Sprossen gemeinsam nach oben oder unten verschieben.
Berechnet: Aus den veröffentlichten Ergebnissen der Saison 2026 ergibt sich die folgende Leiter. Sie ist eine eigene Verhältnisrechnung auf Basis der in den Fußnoten belegten Auktionszahlen, kein erhobener Marktwert.4
0,5 × ein Embryo im Mittel eines Elitekatalogs.
1,0 × die frisch abgekalbte Färse auf der regulären Zuchtviehauktion – die Einheit, an der alles andere gemessen wird.
1,7 × dieselbe Nutzungsrichtung, aber auf der Eliteauktion gekauft. Der Aufschlag ist der Preis für Abstammung, Katalog und Auswahl.
2 bis 4 × die teuersten abgekalbten Tiere einer Eliteauktion. Hier endet, was mit Exterieur und Kuhfamilie erreichbar ist.
rund 4 × das genomische Jungtier im Mittel des Elitekatalogs.
10 bis 13 × die Spitzenlots einer Eliteauktion. Diese Sprosse hat mit den darunterliegenden keinen gemeinsamen Maßstab mehr.
Die Leiter sagt nichts über die absolute Höhe. Sie sagt etwas über die Abstände, und die sind die eigentliche Information: Zwischen dem Betriebskäufer und dem Programmkäufer liegt kein Zuschlag, sondern eine Größenordnung. Wer beides in einem Katalog nebeneinander sieht und mit demselben Maßstab bewertet, verrechnet sich zwangsläufig – in die eine oder in die andere Richtung.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Leiter ist aus einer Saison gerechnet und kein Mehrjahresmittel. Ob die Abstände über längere Zeiträume konstant bleiben, ist für den deutschen Auktionsmarkt nicht belegt, weil es dazu keine öffentliche Zeitreihe gibt. Und sie verschiebt sich, sobald ein Merkmal seine Knappheit verliert: Was heute das Zehnfache kostet, weil es selten ist, kostet das Dreifache, sobald es verbreitet ist. Die Leiter ist ein Maßstab, keine Konstante.
Der Betriebskäufer
Er ist der größte Käuferblock und der am wenigsten beachtete. Seine Frage lautet, ob das Tier wirtschaftlich in seinen Stall passt, und sie ist in dem Moment beantwortet, in dem er weiß, wann es sich bezahlt gemacht hat. Er kauft Milch, Ruhe und einen kalkulierbaren Rückfluss.
Er sucht gesunde, unproblematische Tiere mit solider Leistung und ohne Extreme in irgendeine Richtung; Tiere, die sich ohne Sonderbehandlung in die Herde einfügen und mit dem vorhandenen Melksystem zurechtkommen. Tragende Tiere sind ihm häufig lieber als frisch abgekalbte, weil er die Kalbung im eigenen Betrieb steuern kann und das Risiko der ersten Wochen nicht mitkauft.
Er zahlt nicht für Marken, Verträge, Präfixe oder Zukunftsversprechen. Ein Index, der ihm nichts über die nächsten zwei Laktationen sagt, bewegt ihn nicht. Das wird von Verkäuferseite regelmäßig als Desinteresse an Zucht gelesen. Es ist das Gegenteil: Es ist eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Zucht in seinem Stall ankommt.
Seine Grenze liegt dort, wo der Mehrpreis gegenüber dem regulären Zuchtviehmarkt nicht mehr durch etwas gedeckt ist, das im Stall ankommt. Das ist die am besten belegte Zahlungsbereitschaft von allen, weil sie mehrmals im Monat öffentlich sichtbar wird – und sie liegt derzeit bei etwa dem Doppelten der Einheit, wenn er auf der Eliteauktion kauft.5 Über dieser Marke kauft er nur noch mit einem zweiten Grund, und der ist dann meist züchterisch.
Sein typischer Fehler ist die frisch abgekalbte Jungkuh, die im Ring gut aussieht. Sie bringt den vollen Milchpreis, die vollen laufenden Kosten und den Verlust an Flexibilität sofort in die Rechnung, und sie kommt in einem schwachen Milchjahr fast nie auf ihren Preis. Wer in dieser Kategorie kauft, sollte defensiv bewerten – nicht aus Vorsicht, sondern weil die Rechnung es hergibt.
Der Züchter mit Auge und Anspruch
Er will ein Tier, das ihm Freude macht und das man sieht. Seine Frage ist nicht, ob sich das Tier rechnet, sondern ob es zu ihm gehört. Das ist keine unseriöse Kategorie – sie ist nur eine andere, und sie wird regelmäßig mit der ersten verwechselt, auch von den Käufern selbst.
Er sucht Exterieur, eine bekannte Kuhfamilie, ein Präfix mit Geschichte, Ausstrahlung und Präsenz im Ring. Er kauft ein Tier, das er in zwei Jahren auf einer Schau vorstellen oder mit dessen Namen er eine eigene Linie beginnen kann. Der Katalogtext zählt bei ihm mehr als bei allen anderen, und zwar nicht der Indexteil, sondern die Abstammung.
Er zahlt nicht für reine Indexzahlen, abstrakte Vertragskonstruktionen und anonyme Tiere. Ein gutes Durchschnittstier ohne Geschichte lässt ihn kalt, auch wenn alle Zahlen stimmen. Umgekehrt zahlt er für eine Geschichte nur, wenn er sie im Tier wiederfindet: Schau ohne Typ ist bei ihm genauso chancenlos wie Typ ohne Bühne.
Seine Grenze liegt beim Zwei- bis Vierfachen der Einheit, und sie ist erstaunlich hart. Das zeigt sich am zuverlässigsten bei den abgekalbten Spitzentieren, die auf Eliteauktionen kaum je über diese Marke hinauskommen – auch nicht bei voller Ringpräsenz und bester Präsentation.6 Emotion trägt den Preis also, aber sie trägt ihn nicht beliebig weit.
Sein typischer Fehler ist der zweite Bieter. Ein emotionales Gebot braucht einen Gegner, um sich zu rechtfertigen, und genau das macht es teuer: Zwei Käufer, die dasselbe Tier aus demselben Grund wollen, treiben einen Preis, den keiner von beiden vorher kalkuliert hatte. Wer in dieser Rolle bietet, braucht ein Ausstiegslimit dringender als alle anderen.
Emotion bringt die letzten zwanzig Prozent – und sie bringt sie nur, wenn ein Zweiter mitgeht.
Der Programm- und Stationskäufer
Er kauft kein Tier, sondern eine Option. Seine Frage lautet, was ihm dieses Tier strategisch bringt: für eine Linie, für ein Embryonenprogramm, für einen Absatzweg, für eine Position im Markt. Er ist der Käufer, der die Spitzenzuschläge erklärt, und er ist der einzige, dessen Rechnung über den Milchpreis hinausreicht.
Er sucht Knappheit in einer bestimmten Eigenschaft – Hornlosigkeit, Rotfaktor, eine Merkmalskombination, die im Markt selten ist. Er sucht weibliche Verwertbarkeit, weil sich daraus Embryonen, Töchter und ein Markenaufbau erzeugen lassen. Und er sucht ein klares Profil: nicht „überall gut“, sondern „dafür sehr gut“. Dass die höchsten Zuschläge einer Saison sämtlich auf weibliche Jungtiere entfallen und mehrheitlich auf solche mit Hornlosigkeit, Rotfaktor oder beidem, ist kein Zufall, sondern genau diese Logik.6
Er zahlt nicht für Durchschnitt, für ersetzbare Genetik und für Unklarheit. Das ist die härteste Grenze im ganzen Markt: Ein Tier, das man in absehbarer Zeit anderswo wieder bekommt, ist für ihn keinen Aufschlag wert, gleich wie gut es ist. Er kauft nicht Qualität, er kauft Nichtverfügbarkeit.
Verträge spielen bei ihm eine eigene Rolle, und sie wird regelmäßig missverstanden. Embryonenabnahmen und Stationszusagen wirken als Boden, nicht als Antrieb: Sie sichern den Preis nach unten ab und verhindern Abstürze, lösen aber keine Sprünge aus. Eine hohe Vertragssumme ohne erkennbare Knappheit wird als Marketingzahl gelesen und entsprechend behandelt. Das ist eine Einschätzung aus der Beratungspraxis – Vertragskonstruktionen hinter einzelnen Lots werden in Auktionsberichten nicht ausgewiesen und lassen sich aus veröffentlichten Zahlen weder belegen noch widerlegen.7
Sein typischer Fehler ist das Jungtier, dessen Genomik er für ein Ergebnis hält. Der genomische Zuchtwert eines Jungtieres ist eine Schätzung mit begrenzter Sicherheit, die sich mit jeder zusätzlichen Information verschiebt.8 Wer auf ein Jungtier bietet, kauft eine Wahrscheinlichkeit. Das ist in diesem Segment kein Einwand, sondern eine Kalkulationsgröße – aber sie gehört in den Preis und nicht in die Hoffnung.
Der Investor
Der vierte Typ betrachtet ein Tier als Vermögensposition. Seine Frage ist, ob sich daraus eine Marktstellung machen lässt, und seine Größen sind Seltenheit, internationaler Hebel, Timing und ein Ausstieg. Er ist der einzige der vier, bei dem die Zuchtfrage der Finanzfrage nachgeordnet ist.
Er sucht extreme Seltenheit, mehrere ernsthafte Interessenten im selben Zeitfenster und eine Nachfrage, die sich nicht erst entwickeln muss. Sentimentale Argumente und Stalllogik erreichen ihn nicht. Nach oben ist seine Zahlungsbereitschaft nicht begrenzt, solange die Rechnung über den Weiterverkauf oder die Vermarktung aufgeht.
Hier ist die Beleglage am dünnsten. Ob dieser Typ auf deutschen Eliteauktionen tatsächlich eine eigenständige Rolle spielt, lässt sich aus den veröffentlichten Berichten nicht ablesen. Als Käufer der Spitzenlots werden dort Zuchtbetriebe genannt, im Inland wie im benachbarten Ausland.6 Ob dahinter Programmlogik oder Investitionslogik steht, sagt kein Bericht. Wer diese Grenze zieht, tut das aus Kenntnis der Beteiligten – und sollte das auch so sagen.
Für den eigenen Auktionstag ist das trotzdem relevant. Ein Bieter, dessen Rechnung nicht im Stall endet, hat kein Limit, das man ausrechnen kann. Wer gegen ihn bietet, gewinnt entweder zu teuer oder verliert – und Letzteres ist die bessere der beiden Möglichkeiten.
Was alle vier belohnen
So verschieden die vier rechnen: Über die Segmente hinweg lassen sich sechs Eigenschaften benennen, die den Preis nach oben bewegen. Sie wirken additiv, und zwar nicht gleichmäßig, sondern mit zunehmendem Ausschlag: Ein Tier, das drei davon erfüllt, ist nicht doppelt so teuer wie eines mit anderthalb. Die Aufstellung ist aus dem beobachteten Bietverhalten abgeleitet und nicht aus einer Preisanalyse berechnet.
Knappheit Wie viele vergleichbare Tiere sind in den nächsten zwölf Monaten erreichbar? Lautet die Antwort „einige“, ist der Preis gedeckelt, gleich wie gut das Tier ist.
Klarheit Wofür steht das Tier in einem Satz? Wer drei Sätze braucht, verkauft ein Bündel Möglichkeiten und kein Profil.
Strategie Lässt sich das Tier in ein bestehendes Programm einhängen, oder müsste dafür erst eines gebaut werden? Der zweite Fall ist teurer, als das Gebot aussieht.
Skalierbarkeit Wie viele Nachkommen lassen sich in welcher Zeit erzeugen, und wer nimmt sie ab? Ohne Absatzweg ist Skalierbarkeit eine Rechengröße ohne Gegenwert.
Risikoarmut Was passiert, wenn das Tier nicht trägt, nicht spült oder nicht hält? Der Preis enthält diese Antwort, ob sie ausgesprochen wird oder nicht.
Zeitfenster Gibt es einen sachlichen Grund, warum die Entscheidung heute fällt? Wenn nicht, fällt sie zu teuer.
Dahinter steht ein gemeinsamer Mechanismus. Ein Tier wird nicht deshalb teuer, weil es besser ist, sondern weil es dem Käufer Entscheidungen abnimmt. Es beantwortet eine Frage, die er ohnehin beantworten muss – welche Linie, welcher Hornlosanteil, welcher Absatzweg –, und es beantwortet sie schneller und sicherer, als er es selbst könnte. Darin liegt der Unterschied zwischen der vierten und der zehnten Sprosse der Preisleiter: nicht in der Qualität, sondern in der Zahl der Fragen, die danach noch offen sind.
Bezahlt wird nicht Qualität. Bezahlt wird die Zahl der Fragen, die ein Tier beantwortet.
Vor dem Gebot: fünf Prüfungen
Die praktische Konsequenz ist unspektakulär: Die Arbeit findet vor dem Auktionstag statt. Im Ring lässt sich kein Limit mehr bilden, dort lässt es sich nur noch einhalten oder überschreiten. Der folgende Ablauf ist die Fassung, die sich in der Beratung bewährt hat; er gilt unabhängig davon, in welcher der vier Rollen man antritt.
FÜNF PRÜFUNGEN VOR DEM AUKTIONSTAG A Genetik und Nutzungstiefe • Ist die Genomik bestätigt, oder handelt es sich um ein Hoffnungstier? • Liegt eine Schieflage im Profil vor, etwa Milch hoch und Fitness schwach? • Ist die Nutzungslogik erkennbar – was genau soll mit dem Tier geschehen? • Ist die Ersetzbarkeit geprüft? Wenn ersetzbar, ist ein Preisdeckel zwingend. B Verträge und Rückfluss • Sind Embryonen- und Stationsverträge realistisch – nicht nur hoch? • Sind die Rückflüsse zeitlich erreichbar, nicht nur rechnerisch möglich? • Ist der Vertrag als Boden kalkuliert und nicht als Aufwärtspotenzial? • Passt der Vertrag zum Standort und zur Organisation, mit der er geschlossen wird? C Tierkategorie sauber einordnen • Jungtier, Jungrind und Jungkuh getrennt bewerten, nicht in einer Preisspanne denken. • Bei abgekalbten Tieren den aktuellen Milchpreis und die laufenden Kosten einpreisen. • Den Flexibilitätsverlust benennen, der mit der Abkalbung eintritt. In einem schwachen Milchjahr heißt das: abgekalbte Jungkühe defensiv bewerten. D Marktumfeld • Ist der Standorttyp erkannt – eher rational oder eher emotional geprägt? • Wie groß ist der Bieterkreis für genau dieses Lot realistisch? • Wer sitzt im Saal? Das ist an diesem Abend wichtiger als der Katalog. E Die eigene Rolle • Trete ich als Betriebskäufer, als Züchter oder als Programmkäufer an? • Passt das Tier zu meinem Betrieb – oder zum Applaus? • Steht ein hartes Ausstiegslimit fest, schriftlich, vor dem ersten Gebot? Wer bei einem dieser Punkte zögert, bietet nicht. Das Zögern ist die Information. |
Aus der Beratungspraxis: Ein Betrieb mit 180 Kühen wollte zwei abgekalbte Färsen von einer Eliteauktion holen und hatte sich vorher ein Limit von 5.000 Euro je Tier gesetzt. Beide Wunschtiere gingen bei 5.800 und 6.200 Euro weg; der Betrieb blieb beim Limit und fuhr ohne Tier nach Hause. Sechs Wochen später kaufte er vier Färsen vergleichbarer Abstammung auf einer regulären Zuchtviehauktion für zusammen 10.900 Euro, also 2.725 Euro je Tier. Gemessen am Nutzungsziel – Milch im eigenen Stall – war das die bessere Entscheidung; gemessen am Katalog die langweiligere. Treffen konnte er sie nur, weil das Limit vor dem Auktionstag feststand und nicht während des Bietens gebildet wurde.7
Die Prüfungen laufen auf wenige Fragen hinaus, die sich am Vorabend beantworten lassen und im Ring nicht mehr:
– Welche der vier Rollen nehme ich bei diesem Lot ein?
– Wie viele vergleichbare Tiere sind in den nächsten zwölf Monaten erreichbar?
– Was genau soll mit dem Tier in den nächsten drei Jahren geschehen?
– Welcher Betrag ist verloren, wenn dieser Plan nicht aufgeht?
– Bei welchem Preis steige ich aus – und wer im Betrieb kennt diese Zahl außer mir?
DIE AMPEL VOR DEM GEBOT Rot – hier wird nicht geboten • abgekalbte Jungkühe weit über der Nutzungsrechnung, ohne Programm dahinter • Vertragssumme über Marktwert, aber keine Knappheit • „wird teuer, weil alle das sagen“ • austauschbare PP-Tiere ohne strategische Rolle • Emotion schlägt Logik – und man merkt es selbst Gelb – nur mit Disziplin • seltenes Merkmal vorhanden, aber im Markt nicht wirklich knapp • gute Schaukuh ohne internationalen Zug • gute Genomik, aber viele Alternativen • Vertrag vorhanden, Rückfluss unsicher Kaufen nur, wenn der Markt an diesem Abend nicht zieht. Grün – kaufbar • klare Nutzungstiefe • ersatzarm oder selten • Vertrag unter Marktwert • der Preis bleibt ruhig • kein Zugzwang auf der eigenen Seite |
Die Ampel ersetzt keine Marktkenntnis. Sie verhindert die drei Fehler, die in der Beratung am häufigsten vorkommen: zu kaufen, weil alle sagen, es werde teuer; ein Limit zu verschieben, während geboten wird; und die eigene Rolle mitten in der Auktion zu wechseln.
Fazit: Belegt, berechnet, offen
Belegt ist, dass sich die Segmente eines Auktionskatalogs unabhängig voneinander bewegen. Ein stabiler Gesamtdurchschnitt kann eine deutliche Verschiebung darunter verdecken – in einem dokumentierten Fall fiel die Mitte des genomischen Angebots um rund ein Fünftel, während die abgekalbten Färsen unverändert blieben und das teuerste Kalb zulegte. Belegt ist außerdem, dass die höchsten Zuschläge in weibliche Jungtiere gehen und dort bevorzugt in seltene Merkmalskombinationen.
Berechnet, nicht gemessen, ist die Preisleiter. Sie ist eine Verhältnisrechnung auf Basis veröffentlichter Zuschlagspreise einer Saison. Auktionsberichte sind keine Marktstatistik: Sie beschreiben die Tiere, die an einem Abend im Ring standen, und den Bieterkreis, der anwesend war. Die Leiter taugt als Maßstab für die eigene Einordnung. Als Prognose taugt sie nicht.
Offen bleibt zweierlei: Ob die Abstände zwischen den Sprossen über mehrere Jahre stabil sind, lässt sich ohne öffentliche Zeitreihe nicht entscheiden – und eine solche gibt es für den deutschen Auktionsmarkt nicht. Und ob hinter den Spitzenzuschlägen Programm- oder Investitionslogik steht, geht aus keinem Auktionsbericht hervor. Beides sind Fragen, die man mit Marktkenntnis beantworten kann, aber nicht mit Daten – und die man entsprechend kennzeichnen sollte.
Für den Auktionstag selbst ändert das wenig. Die Entscheidung fällt nicht im Ring, sondern am Küchentisch davor. Und sie fällt besser, wenn vorher feststeht, welche der vier Rollen man an diesem Abend einnimmt.
Wer bietet, kauft nicht das Tier, das vor ihm steht, sondern die Entscheidungen, die er danach nicht mehr treffen muss.
FUSSNOTEN UND QUELLEN
1 Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI), zitiert nach top agrar vom 3. April 2026, „Milchpreis 2025: Hoch eingestiegen, deutlich nachgelassen“: Jahresmittel 2025 für konventionelle Milch in Deutschland 52,24 Cent je Kilogramm bei 4,0 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß einschließlich Nachzahlungen, Höchstwert 53,51 Cent im August 2025, Tiefstwert 43,45 Cent im Dezember 2025 (Sekundärzitat). Für Juli 2026 weist agrarheute in den Marktdaten Milch 39,40 Euro je 100 Kilogramm aus. Der Vergleich eines Monatswertes mit einem Jahresmittel ist als Größenordnung zu lesen, nicht als exakter Maßstab.
2 Rinder Union West eG (2026): HighlightSALE 2026 – Ein ereignisreicher Abend zum Jahresbeginn. Auktionsbericht zur Auktion vom 9. Januar 2026, RUW-Arena Hamm. Gesamtdurchschnitt 7.195 Euro; genomische Jungrinder und Kälber 9.880 Euro im Mittel; abgekalbte Färsen 4.422 Euro im Mittel; teuerstes Kalb ZFZ Malawi Red P (Sainz P RDC-Tochter) 27.500 Euro; teuerste Färse Inside (Showtime-Tochter) 5.500 Euro. Bezugspopulation: Katalogtiere einer Eliteauktion, keine Marktstatistik. Die Gesamtzahl der Lots wird im Bericht nicht genannt.
3 Rinder Union West eG (2025): HighlightSALE 2025 – Volles Haus in der RUW-Arena. Auktionsbericht zur Auktion vom 10. Januar 2025. Gesamtdurchschnitt 7.305 Euro; Kälber 12.410 Euro im Mittel; abgekalbte Färsen 4.440 Euro im Mittel; teuerstes Kalb Easypeasy (Real Syn-Tochter) 24.500 Euro. Die Kategoriebezeichnung weicht von der des Folgejahres ab; ob die Abgrenzung der Kategorie „Kälber“ mit „genomische Jungrinder und Kälber“ identisch ist, geht aus den Berichten nicht hervor. Die Richtung der Veränderung hängt daran nicht, ihre genaue Höhe schon.
4 Berechnet: eigene Verhältnisrechnung auf Basis der in den Fußnoten 2, 3, 5 und 6 belegten Zuschlagspreise. Als Einheit dient das Mittel der beiden dokumentierten Durchschnittspreise frisch abgekalbter Färsen auf den regulären Zuchtviehauktionen (2.504 und 2.580 Euro, gerundet 2.540 Euro). Daraus ergeben sich: Embryo im Mittel 0,5; abgekalbte Färse auf der Eliteauktion 1,7; teuerste abgekalbte Tiere 2,2 bis 3,7; genomisches Jungtier im Mittel 3,9; Spitzenlots 9,8 bis 13,4. Die Rechnung stützt sich auf eine Saison und ist kein Mehrjahresmittel.
5 Rinder Union West eG (2026): Juni-Zuchtviehauktion in Hamm, Auktionsbericht zur Auktion vom 2. Juni 2026, und Zuchtviehauktion in Hamm, Auktionsbericht zur Auktion vom 1. September 2026. Juni: knapp 140 Tiere, davon 123 frisch abgekalbte Färsen zu einem mittleren Steigpreis von 2.504 Euro; Höchstpreis Färse 4.200 Euro (Mo Red PP-Tochter). September: 250 Verkaufstiere; Färsen und Kühe 2.580 Euro im Mittel, Jungrinder 838 Euro, Zuchtkälber 463 Euro; Höchstpreis Färse 3.500 Euro, teuerster Deckbulle 3.600 Euro für einen hornlosen DAY PP-Sohn. Bezugspopulation: reguläre Zuchtviehauktionen, nicht Eliteauktionen.
6 MASTERRIND GmbH (2026): MASTERRIND EXCLUSIVE – Die Auktion in Verden 2026. Auktionsbericht zur Auktion vom 25. Februar 2026. 62 Kälber, Tragende und Abgekalbte zu durchschnittlich 7.698 Euro; 14 Embryonen zu durchschnittlich 1.350 Euro; Verkaufsquote 100 Prozent. Spitzenlots: WEH Sainz Barbara P RC 34.000 Euro (Käufer im MASTERRIND-Zuchtgebiet), ZB Race Lana Del Rey Red PP 28.000 Euro (Käufer in den Niederlanden), ZHW Major Tom Batida 25.000 Euro (Zuchtbetrieb aus Niedersachsen) – sämtlich weibliche Jungtiere; teuerste abgekalbte Kuh Engelkes Ella 9.500 Euro.
7 Praxisgrundlage: Beobachtungen und Auswertungen aus der Beratungspraxis des Autors. Die genannten Beträge sind betriebliche Angaben und in keiner öffentlich zugänglichen Quelle belegt. Betriebs-, Personen- und Tiernamen sind anonymisiert.
8 Meuwissen, T. H. E.; Hayes, B. J.; Goddard, M. E. (2001): Prediction of total genetic value using genome-wide dense marker maps. Genetics 157(4), 1819–1829. Sowie VanRaden, P. M. (2008): Efficient methods to compute genomic predictions. Journal of Dairy Science 91(11), 4414–4423. DOI 10.3168/jds.2007-0980. Und Hayes, B. J.; Bowman, P. J.; Chamberlain, A. J.; Goddard, M. E. (2009): Invited review: Genomic selection in dairy cattle: Progress and challenges. Journal of Dairy Science 92(2), 433–443. DOI 10.3168/jds.2008-1646. Die Arbeiten begründen die Methodik und ihre Sicherheitsgrenzen; Aussagen zu Auktionspreisen enthalten sie nicht.
ZUM AUTOR Helmut Demmelhuber ist Unternehmensberater und Holsteinzüchter. Sein Schwerpunkt liegt auf KI-gestützter Herdenanalyse und Zuchtplanung. Er entwickelt die Werkzeuge Herdenanalyse 360°, Flexi-Herdenindex° und Flexi-Mating°. Alle Betriebs-, Personen- und Tiernamen in diesem Beitrag sind anonymisiert. Ausgenommen sind die in den Fußnoten belegten Auktionsergebnisse, die den öffentlich veröffentlichten Berichten der Zuchtorganisationen entnommen sind. |




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